Liverpool-Experte: Klopp braucht einen Spieler wie Hummels

München – Fabian Biastoch zählt in Deutschland zu den besten Kennern des FC Liverpool. Der Journalist ist Autor des Buches 111 Gründe, den FC Liverpool zu lieben (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag). Im Interview am Morgen sprach fussball.news nun mit dem Liverpool-Experten über die Titelchancen der Reds unter Trainer Jürgen Klopp, über mögliche Schwachstellen im Team und weshalb Manchester United seit über 100 Jahren eine besondere Rivalität mit dem LFC pflegt.

LIVERPOOL, ENGLAND - DECEMBER 26: Wes Morgan of Leicester City (L) battles for the ball with Christian Benteke of Liverpool during the Barclays Premier League match between Liverpool and Leicester City at Anfield on December 26, 2015 in Liverpool, England. (Photo by Chris Brunskill/Getty Images)
Christian Benteke (r.) zählt zum Angriff des FC Liverpool. Foto: Chris Brunskill / Getty Images

fussball.news: Herr Biastoch, welchen Bezug haben Sie zum Klub?

Fabian Biastoch: Mein Vater hatte beruflich in England zu tun, genauer gesagt in Liverpool. Er ist auch fußballverrückt – und hat mich schon zu Beginn der 1990er Jahre, als ich noch ein kleiner Junge war, ins Stadion an die Anfield Road mitgenommen. Es war von Beginn an faszinierend für mich.

fussball.news: Die Stimmung?

Biastoch: Einfach alles. Das ehrwürdige Stadion, die Stimmung. Die Fans singen die Hymne „You’ll never walk alone“ mit so viel Herz, das ist nochmal etwas ganz anderes, als wenn es in deutschen Stadien angestimmt wird. Doch auch das Bewusstsein für die tragische Geschichte des Klubs ist allgegenwärtig. Vor dem Stadion steht eine Gedenktafel für die Opfer der Hillsborough-Katastrophe (Massenpanik im Stadion beim Spiel Liverpool – Nottingham Forest mit 96 Toten im Jahr 1989; Anm. d. Red.). Dort liegen immer frische Blumen, die Fans wirken sehr andächtig, wenn Sie an der Tafel vorbeigehen.

fussball.news: Wenn Sie aus den 111 Gründen Ihre Top drei auswählen müssten, welche wären es dann?

Biastoch: Das Champions-League-Finale 2005 thront bei mir über allem. Liverpool drehte mit Dietmar Hamann einen 0:3-Rückstand zur Halbzeit noch und besiegte den AC Mailand nach Elfmeterschießen. Wahnsinn, diese Moral!

Nummer zwei wäre bei mir wohl die Tatsache, dass sich Liverpool trotz großer Katastrophen in den 1980er Jahren wie die Toten im Heysel-Stadion (Massenpanik beim Landesmeistercup-Finale 1985 gegen Juventus Turin, 39 Tote; Anm. d. Red.) oder eben Hillsborough nicht unterkriegen hat lassen. Der Verein hätte daran auch zerbrechen können, die Fangemeinde ist aber im Gegenteil noch enger zusammengewachsen.

Drittens: Die Rivalität, die der FC Liverpool und Manchester United pflegen. Sie existierte schon im 19. Jahrhundert – beim 1. Spiel! Beide Klubs hatten sich 1893 für ein Testmatch verabredet, doch dann wurde es plötzlich als Relegationsspiel bestimmt. Liverpool besiegte Newton Heath – so hieß Manchester United damals – und stieg in die 1. Liga auf. Manchester United musste den Gang in die 2. Liga antreten. Ein Highlight – zumindest für alle Liverpool-Fans.

fussball.news: Jetzt ist ja Jürgen Klopp seit Mitte Oktober Trainer des FC Liverpool. Passt er zu den Reds?

Biastoch: Klopp passt perfekt zu Liverpool. Wie er mitgeht an der Seitenlinie, welche Werte er vorlebt – und auch dass er zum Vulkan werden kann, das hat bei erfolgreichen Trainern von Liverpool Tradition. Zudem sind Dortmund wie Liverpool geprägt von ihrer Geschichte als Arbeiterklub, diese Mentalität verkörpert auch Klopp.

fussball.news: Wird Klopp denn Titel mit Liverpool gewinnen?

Biastoch: Auf vier Jahre gesehen, da schätze ich die Wahrscheinlichkeit hoch ein. Diese Saison dürfte es dagegen schwer für ihn werden, außer Liverpool verstärkt sich in der Winterpause noch deutlich.

fussball.news: Es heißt, besonders Torwart Simon Mignolet wäre ein Schwachpunkt im Team.

Biastoch: Zuletzt hat Mignolet durchaus Fehler begangen, er ist aber nicht unbedingt das Hauptproblem Ich sehe eine größere Schwachstelle: Klopp liebt einen schnellen und geordneten Spielaufbau, in Dortmund hatte er dazu spielstarke Verteidiger wie Mats Hummels, die auch für das Angriffsspiel sehr wichtig waren und Tore vorbereiten konnten. Liverpool hat mit Martin Skrtel zum Beispiel eher einen klassischen Abwehr-Haudegen in seinen Reihen. Er weist ein gutes Verhalten im Zweikampf auf, aber beim schnellen Einleiten von Angriffen hapert es. Ich gehe davon aus, dass sich Liverpool demnächst in der Abwehr verstärkt.

Dortmund's head coach Juergen Klopp and Dortmund's defender Mats Hummels address a press conference on the eve of the Round of 16, second-leg UEFA Champions League football match Borussia Dortmund vs Juventus Turin in Dortmund, western Germany on March 17, 2015. AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ (Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)
Jürgen Klopp (l.) setzte bei Borussia Dortmund auf Mats Hummels (r.). Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

fussball.news: Auch der Arbeiterklub Liverpool wird von einem Investor geführt. Passt das überhaupt zusammen? Und kann Unternehmer John W. Henry mit den anderen Top-Klubs in der Premier League finanziell überhaupt mithalten?

Biastoch: Nun, die erste Investorengruppe um Tom Hicks wurde einst durch massive Proteste der Fans verjagt. Es gab damals sehr unterschiedliche Interessen. Bei Henry, der seit rund fünf Jahren Liverpool führt, verhält es sich etwas anders. Ihm gehört auch das Baseball-Team Boston Red Sox, er ist sehr sport- und fußballbegeistert. Finanziell hat er sicherlich Potenzial, da dürfte Liverpool sich auf Augenhöhe mit den Klubs aus Manchester oder mit Abramowitsch bei Chelsea befinden.

fussball.news: Liverpool wartet seit 26 Jahren auf den Gewinn der Meisterschaft. 2014 wurden die Reds noch auf der Ziellinie abgefangen. Warum klappt es schon so lange nicht mehr mit dem Gewinn des Meistertitels?

Biastoch: Also in den Pokal-Wettbewerben war Liverpool auch in den vergangenen 20 Jahren erfolgreich: 2001 etwa der Gewinn des UEFA-Pokals, 2005 der Triumph in der Champions League, dazu kamen Siege im FA-Cup und im Liga-Pokal. Warum es in der Liga nicht klappt? Ich weiß es nicht, es ist fast unerklärlich, warum es der Mannschaft stets an Konstanz fehlt. Aber das gehört wohl auch zum Mythos FC Liverpool dazu.

LFC

Buch-Hinweis: 111 GRÜNDE, DEN FC LIVERPOOL ZU LIEBEN – Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt; von Fabian Biastoch; Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag; 240 Seiten; Taschenbuch; ISBN 978-3-86265-420-8; 9,95 EUR.

 

 

 

Biastoch_Redakteur

Journalist und Liverpool-Kenner Fabian Biastoch

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