Als Lienen Frieden schloss

München – Arminia Bielefelds Spieler Ewald Lienen ist im Ballbesitz und zieht von links in die Mitte. Doch er legt sich den Ball zu weit vor. Sein Gegenspieler von Werder Bremen, Norbert Siegmann, will ihm den Ball abjagen und setzt zu einer brutalen Grätsche an. Statt das Leder trifft er den Oberschenkel Lienens. An jener Stelle zieht sich kurz darauf eine über 20 Zentimeter große und aufklaffende Fleischwunde. Noch immer ist die Szene im deutschen Fußball allgegenwärtig, auch wenn das Foulspiel über 30 Jahre zurückliegt.

Ewald Lienen arbeitet seit über 25 Jahren als Trainer. Foto: Stuart Franklin /Allsport
Ewald Lienen arbeitet seit über 25 Jahren als Trainer. Foto: Stuart Franklin /Allsport / Getty Images

Tatort Weserstadion

Es war der 14. August 1981, der 2. Spieltag der Bundesliga-Saison, die 20. Minute in der Partie im Bremer Weserstadion zwischen Werder und der Arminia aus Bielefeld, als beim Stand von 0:0 sich das wohl berühmteste Foul in der Geschichte der Bundesliga ereignet hatte.

Zeiten der Funkstille

In den Jahren danach folgten zahlreiche Beleidigungen gegenüber Siegmann. Viele Fans unterstellten ihm, das Foul vorsätzlich begangen zu haben. Auch zwischen den beiden Protagonisten Lienen und Siegmann herrschte lange Zeit Funkstille.

Lienen: „Er hat einfach viel Pech“

Erst 32 Jahre später, anlässlich des 50. Geburtstages der Bundesliga in der Saison 2012/13, glückte es den Verantwortlichen des Fachmagazins kicker, ein Treffen zu organisieren. Beide ließen sich auf das Gespräch ein – und Lienen schloss mit dem einstigen „Übeltäter“ Frieden. Lienen betonte zugleich, dass er Siegmann beim Foul keine Absicht unterstelle: „Er hat einfach viel Pech gehabt mich so zu erwischen.“ Vielmehr spricht er von Glück im Unglück. „Zehn Zentimeter tiefer, am Knie, und keiner hätte groß über das Foul gesprochen, aber ich wäre Sportinvalide geworden“, so Lienen.

Lienens Disput mit Rehhagel

Was Lienen am besagten Tag 1981 aber viel mehr aufstieß, war das Verhalten vom damaligen Werder-Trainer Otto Rehhagel. So lief Lienen nach dem Foulspiel sofort in Richtung des Trainer, der angeblich Siegmann zum Foul angestiftet haben soll. Erst nach einem kurzem Wortgefecht konnte Lienen von Rehhagel getrennt werden.

Siegmann: „Ich wollte Ewald nicht verletzen.“

Siegmann jedenfalls versichert, nichts Böses im Schilde geführt zu haben. „Was ich weiß, ist, dass es keine Absicht war. Ich war ein Zerstörer. Doch ich wollte Ewald nicht verletzen“, schilderte er beim Treffen mit Lienen die Szene. Während Lienen nach drei Wochen Pause wieder auf dem Feld stand, wurden für Siegmann die Bundesligaspiele zur Hetzjagd, was er einst im Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel deutlich machte. „Die ersten Jahre war es nicht einfach. Natürlich hat mich das Foul verfolgt“, sagte Siegmann. Auch deswegen zögerte er ein Treffen mit Lienen mehrmals hinaus. Doch 2012 kam es dann zum laut Lienen „eigentlich überfälligen Treffen“, womit sich der Friedenskreis für beide endgültig schloss.

Beide arbeiten als Trainer

Lienen und Siegmann, beide sind dem Fußball weiterhin treu geblieben. Während Lienen nach der Station beim griechischen Erstligisten AEK Athen nun mit dem FC St. Pauli um den Aufstieg in die Bundesliga kämpft, betreut Siegmann seit 2008 den unterklassigen Verein SV Weser 08 Bremen.

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