Fitness-Experte Mohr: Was Guardiola, Tuchel und die Bundesliga-Klubs von Barcelona lernen können

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München – Thomas Mohr hat sich in den vergangenen Monaten öffentlich Gehör verschafft und zahlreiche Bundesliga-Klubs für ihre Trainingssteuerung kritisiert. Der Kern seiner Aussage: Weil in diesem Bereich noch relativ viel schief läuft, resultiert daraus eine sehr hohe Quote an schwer verletzten Stars.

fussball.news: Sie haben mit Ihrer Kritik an der Bundesliga viel Gegenwind erhalten. Ihre Argumente wurden auch damit abgetan, dass Sie eben nur Außenstehender sind und nahezu keine Ahnung von internen Abläufen haben. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Mohr: Ich habe vor 17 Jahren mein Fitnesstsudio und mein Haus in Frankfurt verkauft und bin nach Tunesien ausgewandert, nicht nur wegen des schönen Wetters und der hohen Lebensqualität, sondern auch aus familiären Gründen. Ich fühle mich in Tunesien also sehr wohl.

Dennoch bin ich bestens über die Bundesliga informiert. Ich arbeite mit Physiotherapeuten und Ärzten zusammen, die in der Bundesliga tätig sind. Zudem berate ich 48 Spieler in der Bundesliga – da weiß man ehrlich gesagt sehr viel über interne Abläufe in den Klubs – und wo sich die Schwachstellen befinden.

fussball.news: Ein weiterer Vorwurf an Sie lautet, dass Sie einfach selbst einen Job in der Bundesliga haben wollen. Besteht denn wirklich Interesse bei Ihnen, wieder in Deutschland Fuß zu fassen?

Mohr: Natürlich bin ich grundsätzlich nicht abgeneigt, direkt in der Bundesliga zu arbeiten. Ich habe aber schon mehrfach Angebote aus der Bundesliga abgelehnt. Dazu zählen zwei Gründe:

Im echten Profisport geben medizinische Abteilungen sowie Athletik- und Konditionstrainer gemeinschaftlich mit dem Trainer vor, wie lange ein Profi trainieren und spielen kann, damit es gesundheitlich vertretbar ist. In der Bundesliga wollen die Cheftrainer aber meist alles selber bestimmen – und machen vieles aus dem Bauch heraus verkehrt. Der Witz ist dann noch: Die Trainer schieben die Schuld für verletzte Spieler meist trotzdem ihrem Staff zu – oder hadern mit dem ‚Verletzungspech‘. Was ich nach 30 Jahren Arbeit sagen kann: Verletzungspech gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht. Es hat etwas mit dem Maß an Professionalität in einem Verein zu tun.

Und hier wäre ich bei einem weiteren Punkt: In Tunesien werden einige Konditionstrainer besser bezahlt als bei Bundesliga-Topklubs. Als ich 2008 in Ungarn gearbeitet habe, habe ich damals mehr verdient, als die Konditionstrainer bei Bayern München oder Borussia Dortmund. Es gibt in der Bundesliga weder auf der Arbeitsebene noch auf der finanziellen Ebene eine angemessene Wertschätzung für denjenigen Experten, der eigentlich hauptverantwortlich dafür sein soll, dass die Spieler fit und gesund bleiben.

fussball.news: Müssen die Bundesliga-Klubs quasi auch auf dieser Position Top-Stars verpflichten?

Absolut. Zu den besten Athletik- und Konditionstrainern der Welt zählt Raymond Verhajen. Er hat bereits für Barcelona und Chelsea gearbeitet. Kein Bundesliga-Klub kommt auf die Idee, ihn zu verpflichten, obwohl sie sich mit den besten Teams messen wollen. Aber Verhajen bräuchte natürlich auch ein finanziell wertschätzendes Angebot. Dazu ist in Deutschland keiner bereit derzeit. Man will in der Bundesliga lieber an vermeintlich bewährten Methoden festhalten, obwohl viele statistische Fakten klar aufzeigen, dass die deutschen Klubs im Fitness- und Gesundheitsbereich nicht auf internationalem Top-Niveau arbeiten.

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