Interview am Morgen

Henke: „Ich habe mich nie ausspielen lassen“

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München – Michael Henke steht vor allem für ein Wort: Loyalität. Als Fußballprofi schaffte es der heute 59-Jährige zwar nur bis in die 2. Liga, doch seine Fußball-Karriere kann sich sehen lassen. Er ist der wohl erfolgreichste Co-Trainer in Deutschland, was die Sammlung von Titeln angeht.

Henke gewann als Assistent von Ottmar Hitzfeld mit Borussia Dortmund zwei Mal die Meisterschaft und mit Bayern München – auch an der Seite von Hitzfeld – fünf Meistertitel und drei Pokalsiege. Mit beiden Vereinen feierte er zudem den Champions League-Gewinn, um nur die bedeutendsten Titel hervorzuheben. Hitzfeld konnte sich in all den Jahren der Zusammenarbeit stets auf seinen treuen und loyalen Wegbegleiter verlassen.

Nach der gemeinsamen Zeit bekam Henkes Karriere allerdings einen kleinen Kratzer, als er sich als Cheftrainer versuchte und zuerst beim 1. FC Kaiserslautern und anschließend beim 1. FC Saarbrücken keine großen Erfolge vorweisen konnte. In der Saison 2007/2008 kehrte Henke zum FC Bayern zurück – natürlich als Assistenzcoach von Hitzfeld. Es folgten Stationen beim 1. FC Köln und Esteghal Teheran, wo er ebenfalls den Cheftrainern erfolgreich assistierte. Seit 2013 arbeitet er nun beim FC Ingolstadt und war Teil einer Erfolgsgeschichte, als die „Schanzer“ erst 2015 in die Bundesliga aufstiegen und in der abgelaufenen Saison souverän den Klassenerhalt feierten. Wieder war Henke der Co-Trainer – diesmal von Ralph Hasenhüttl.

Im Interview mit fussball.news spricht Henke nun über seine erfolgreiche Karriere, das Verhältnis zu Ottmar Hitzfeld und seinen Wunsch, nochmals als Chefcoach eine geeignete Chance zu erhalten.

fussball.news: Herr Henke, gab es den schönsten Moment in Ihrer Karriere?

Michael Henke: Es gab tatsächlich ein Highlight für mich als jungen Co-Trainer, nämlich den Pokalgewinn mit Borussia Dortmund 1989. Ich habe damals im Januar meinen neuen Posten angefangen und bin ab da in die große Welt des Bundesliga-Fußballs eingetaucht, nachdem ich zuvor ein bisschen in der Zweiten Liga gekickt hatte. Im Mai durfte ich dann das Endspiel gegen Werder Bremen (4:1, d. Red.) in Berlin erleben. Diese Euphorie – zuerst im Stadion und dann in Dortmund -, war einzigartig. Die konnte nicht getoppt werden. Nach der Meisterschaft und der Champions League stand ganz Dortmund Kopf, diese Stimmung nach dem Pokalgewinn hat eine Explosion ausgelöst, die sensationell war. Die Erinnerungen daran sind mir bis heute geblieben – das werde ich nie vergessen.

fussball.news: Sie waren von 1991 bis 1997 der Assistenztrainer von Ottmar Hitzfeld zunächst beim BVB. Warum hat das von Anfang an so gut funktioniert mit Ihnen beiden?

Henke: Ganz entscheidend war das Zusammenwirken von menschlichen Qualitäten in der Führungsriege des Klubs. Das hat einfach gepasst zwischen Ottmar, Präsident Gerd Niebaum, Manager Michael Meier und mir. Natürlich hat Ottmar den größten Teil dazu beigetragen, aber wir hatten zudem das Glück, dass wir mit Gerd Niebaum einen Präsidenten hatten, der mit dem Verein viel erreichen wollte und der auch Visionen hatte. Leider hat er später etwas überzogen. Aber zu unserer Zeit war das eine sehr gute Konstellation. Da hat kein Blatt dazwischen gepasst und es wurde immer mehr ein freundschaftliches Verhältnis. Selbst heute sind wir alle miteinander befreundet.

fussball.news: 1998 ging es für Sie zum FC Bayern. Kam Hitzfeld damals sofort auf Sie zu?

Henke: Ja, und das sogar schon sehr frühzeitig. In dem Jahr, als Ottmar beim BVB Sportdirektor war (1997/1998, d. Red.), arbeitete ich als Co-Trainer von Nevio Scala. Es war eine harmonische Zusammenarbeit, dabei hatte es Nevio damals nicht leicht nach den Erfolgen zuvor. Im Frühjahr fragte mich Ottmar, ob ich ihn zu Bayern begleiten wollen würde. Ich habe keine Sekunde überlegt und sofort ja gesagt. Es war vorher schon klar, dass er mich an seiner Seite haben will, wenn er wieder als Trainer arbeiten würde.

fussball.news: Wie ist Ihr Verhältnis heute? Wie ziemlich beste Freunde?

Henke: Wir können uns nach wie vor aufeinander verlassen, so wie es auch in der Zusammenarbeit war. Wir sind zwar etwas auf Distanz, schon aufgrund der räumlichen Begebenheiten, aber wenn wir uns am Telefon austauschen oder durch WhatsApp-Nachrichten, dann merken wir immer noch das große gegenseitige Vertrauen. Wir wünschen dem Anderen nur das Beste. Ein bisschen sind wir schon ziemlich beste Freunde.

fussball.news: Gab es einen besonderen Charakterzug, den Sie an ihm schätzten?

Henke: Ich habe ihn für seine Akribie in der täglichen Arbeit bewundert, ohne dass er dabei verbissen war. Er hat neben dem Job immer gewusst, dass Menschlichkeit wichtig ist. Diese Mischung hinzukriegen in dem harten Geschäft, ist eine absolute Qualität von Ottmar. Er würde nie einen guten Freund opfern, um dann selbst erfolgreich in seiner Arbeit zu sein. Da hat er einfach Prinzipien und Grundsätze gehabt, die immer vom Menschlichen abgeleitet wurden. So trat Ottmar auch stets vor seinem Team auf und deshalb findet man kaum Spieler, die schlecht über ihn reden würden. Selbst die nicht, die wenige Einsatzzeiten bei ihm hatten. Er hat einfach eine unglaubliche Offenheit an den Tag gelegt.

fussball.news: Was war Ihr Erfolgsgeheimnis als Co-Trainer?

Henke: Bis heute habe ich einen guten Draht zu den Spielern, ohne meine Loyalität zum Cheftrainer zu verlieren. Gegenüber den Jungs bin ich immer so aufgetreten, dass es keine Zweifel gab, dass ich 100 Prozent fair bin. Ich habe mich nie ausspielen lassen, was in der Branche leider mal vorkommt im Verhältnis Assistenzcoach zum Team. Das war für mich immer das wichtigste. Ich habe das gar nicht bewusst gemacht, sondern es fiel mir sehr leicht, weil ich mit dem Cheftrainer als auch mit den Spielern ehrlich umgehen wollte. Das ohne Reibungsverluste hinzukriegen, war mir stets wichtig. Ich habe es ganz gut hinbekommen, Vertrauen zu schaffen.

fussball.news: An der Seitenlinie konnten Sie auch ganz schön aufbrausend sein. War das gewollt?

Henke: Oh ja. (lacht) Ich war ein Gerechtigkeitsfanatiker, aber ich weiß heute, wie schwer der Job des Schiedsrichters ist. Natürlich pfeifen die Referees nicht absichtlich gegen eine Mannschaft, aber man fühlt sich dann doch mal betrogen. Ich habe mich nie persönlich angegriffen gefühlt, sondern ich fand, dass die Spieler um ihren Erfolg gebracht wurden. Enge Freunde, die mich auch außerhalb des Platzes kannten, sagten ‚du bist auf der Bank ein anderer Mensch als sonst.‘ Meine Ausbrüche waren aber nie gespielt und Ottmar und ich haben das auch nie taktisch ausgenutzt, sondern da war schon viel Spontanität dabei.


YOUTUBE-VIDEO: Michael Henke zu Gast im Talk „Bohndesliga“:


fusball.news: Ihre erste Cheftrainerstelle war beim 1. FC Kaiserslautern. Nach fünf Monaten wurden Sie entlassen, am Ende der Saison stieg der FCK ab. War das die oder eine der schlimmsten Erfahrungen in Ihrer Karriere?

Henke: Das will ich gar nicht sagen. Ich habe dort viele gute Sachen erlebt, habe in der Stadt mit den Fans nie ein Problem gehabt. Ich bin nie beschimpft worden, auch nicht nach meiner Entlassung, als ich noch dort lebte. Klar, rein beruflich gesehen war diese Zeit sehr negativ, weil ich mich in Kaiserslautern für die weitere Karriere als Cheftrainer verbrannt habe. Aber bis heute habe ich kurioserweise viele gute Erinnerungen an diese Zeit.

fussball.news: Was waren Gründe für Ihr Scheitern?

Henke: Positiv war sicher die Verpflichtung von Boubacar Sanogo. Wir hatten nicht viel von ihm gesehen, weil er vorher in Dubai spielte, aber ich habe zu ihm einen guten Draht gefunden. Das große Pech war, dass sich ‚Bouba‘ in der schlechtesten Situation verletzte. Das führte dazu, dass wir nicht mehr so erfolgreich waren – und letztendlich auch zu meiner Entlassung. Am Anfang der Saison standen wir nach einem tollen Sieg beim 1. FC Köln (3:2, d. Red.) auf Platz fünf. Das bleibt natürlich positiv im Kopf hängen. Ein weiterer entscheidender Grund für mein Aus war Christian Nerlinger, der in einem schwierigen Spielerumfeld mein verlängerter Arm auf dem Platz werden sollte. Leider verletzte er sich, und musste daraufhin sogar seine Karriere beenden. Leider konnte er mir nicht helfen.

fussball.news: Nach der Zeit beim FCK sind Sie beim 1. FC Saarbrücken zuerst Trainer und dann Sportdirektor geworden. Dennoch lief es auch dort sehr unglücklich. Warum?

Henke: Dort war ein chaotisches Umfeld, was sich auch all die Jahre danach immer bestätigt hat. Das hätte ich so schnell nach der Lautern-Geschichte nicht machen dürfen. Aber es war sehr verlockend, die Gespräche mit den Verantwortlichen waren sehr interessant und ich dachte damals, dass man dort von Grund auf etwas aufbauen kann. Nur das Umfeld war so vergiftet und die Zeit für eine kontinuierliche Arbeit gab es nicht. Ich hatte von Anfang an keine Chance.

fussball.news: Dann ging es zurück zu Bayern, Sie waren dort wieder Co-Trainer, dann Chefanalytiker und wechselten schließlich zum 1. FC Köln als Assistenzcoach von Zvonimir Soldo. Wie schauen Sie auf diesen Abschnitt Ihrer Karriere zurück?

Henke: Als ich trotz laufendem Vertrag mit dem Gedanken spielte, Bayern zu verlassen und als Co-Trainer nach Köln zu gehen, sagte Uli Hoeneß zu mir: ‚Michael, du wirst hier bei uns nie entlassen, aber wir legen Dir auch keine Steine in den Weg‘. Das fand ich sehr ehrlich von ihm, aber mein Wunsch wieder auf dem Platz zu arbeiten war größer.


YOUTUBE-Video: 19er Alus – Der Fußballtalk mit Gast Michael Henke:


fussball.news: Der Bürojob war nichts für Sie?

Henke: Nein. Die Arbeit im Büro als Chefanalytiker war interessant, aber da merkte ich, dass ich Trainer bin. Als sich Michael Meier aus Köln meldete, habe ich zugesagt. In Köln aber habe ich am Anfang lange ein bisschen der Zeit in München nachgeweint. Ich dachte mir, dass man freiwillig von Bayern München nie weggehen darf. An dem Entschluss selber zu gehen, habe ich einige Zeit geknabbert. Aber im Nachhinein gab es für mich in Köln so gute Erfahrungen, die mir sehr weiter geholfen haben für die nächste Station.

fussball.news: Waren Teheran und Aston Villa reine Abenteuer?

Henke: Beides hat sich sehr gelohnt. Ich bin da ehrlich zu mir selbst, denn es kam in der Zeit kein interessantes Angebot und ich habe mich damals lange dagegen gewehrt, nach Teheran zu gehen, obwohl man sich monatelang um mich bemüht hatte. Ich hatte immer darauf gehofft, dass in der Phase der Verhandlungen ein Angebot aus der 1. oder der 2. Liga in Deutschland kommt, aber es kam nichts Vernünftiges. Also bin ich notgedrungen in den Iran gegangen. Ich muss aber dazu sagen, dass ich auf den vielen Auslandsreisen mit Bayern und dem BVB viele deutsche Trainer im Ausland traf und mir dachte, dass das durchaus interessant sein und mich reizen könnte. Wenn ich es damals nicht gemacht hätte, hätte ich es vielleicht nie mehr gemacht. Im Nachhinein war es eine wertvolle Zeit, die ich nie bereut habe.

fussball.news: Und Aston Villa?

Henke: Das war ein kleiner Freundschaftsdienst für meinen früheren Dortmunder Spieler Paul Lambert. Er wollte jemand haben, eine Vertrauensperson, der den deutschen und europäischen Inlandsmarkt kennt. Das hat mir viel Spaß gemacht, doch es war von Anfang an klar, dass es nur eine Übergangslösung sein wird.

fussball.news: Wollen Sie noch mal Cheftrainer werden oder sehen Sie sich da gescheitert?

Henke: Ich lasse es auf mich zukommen. Aber ich könnte es mir auf jeden Fall vorstellen und würde eines Tages schon gerne zeigen, dass ich auch ein erfolgreicher Cheftrainer sein kann. Aber ich muss das nicht unbedingt machen, um glücklich zu sein. Vielleicht bin ich zu wenig Egoist, denn für mich ist es einfach wichtiger, im Fußball mit jungen Leuten zu arbeiten und deren Entwicklung mit zu beeinflussen. Ich fühle mich auf dem Platz am wohlsten und dafür muss ich nicht der Cheftrainer sein.

fussball.news: Zuletzt waren Sie Co-Trainer beim FC Ingolstadt, wo Sie an der Seite von Ralph Hasenhüttl ein kleines Fußball-Märchen erleben durften. Sie waren der Assistent von einem jüngeren Trainer und dennoch hat es absolut gepasst. Warum?

Henke: Ingolstadt war für mich ein Glücksfall. Ich wollte nach vielen Jahren, in denen ich unterwegs war, wieder etwas sesshafter werden. Dass es im Süden war, kam mir natürlich entgegen. Als ich nach Ingolstadt ging, habe ich nach den Gesprächen mit den Verantwortlichen Peter Jackwerth, Harald Gärtner und Thomas Linke schon Visionen gehabt, dass man mit diesem Verein irgendwann mal an der Bundesliga kratzen kann. Aber dass es dann so läuft mit dem schnellen Aufstieg und frühzeitigem Klassenerhalt im Folgejahr, hätte ich nie gedacht. Die Krönung war letztendlich die Zusammenarbeit mit Ralph Hasenhüttl, die enorm erfolgreich war. Da hat man gesehen, dass das Alter zweitrangig war. Wer jünger oder älter ist, muss keine Rolle spielen zwischen Cheftrainer und seinem Assistenten.

fussball.news: Werden Sie Hasenhüttl und die Zeit vermissen?

Henke: Mit Sicherheit werde ich gerne an diese harmonische Zusammenarbeit zurück denken. Das gilt für den gesamten Trainerstab in Ingolstadt, das war schon außergewöhnlich. Vermissen heißt auch, dass man überragend gute Erinnerungen an die Zeit hat. Es kann schon sein, dass ich in einem halben Jahr irgendwo sitze und denke ‚Mensch, was war das damals eine geile Zeit, schade, dass es vorbei ist.‘ Ein, zwei Jahre mehr hätte ich mir schon gewünscht.

fussball.news: Wollte Hasenhüttl Sie eigentlich nicht mitnehmen zu RB Leipzig?

Henke: Das war nie ein Thema, weil die Planungen von RB anders waren. Ich habe meine Zukunft immer mehr in Ingolstadt gesehen – hierzu laufen aktuell Gespräche. Nach wie vor glaube ich an diese Geschichte in Ingolstadt. Ich sage mit Absicht nicht Projekt. Ich glaube, dass da das Ende noch nicht erreicht ist. Und das mit zu entwickeln und zu begleiten, würde mich schon sehr reizen.

 

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