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Keine Angst vor England!

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KOMMENTAR: Zahlreiche Funktionäre und Berichterstatter haben in den Alarmstufe-Rot-Modus geschaltet. Auslöser: Der neue Milliarden-TV-Vertrag in England für die Klubs der Premier League. Das Horror-Szenario: Selbst Vereine aus dem Tabellenkeller werden finanzkräftiger sein als deutsche Klubs, die um die Europacup-Plätze mitspielen.

De Bruyne war schmerzhafter Abgang für die Bundesliga

Schlimmer noch: Die englischen Spitzenklubs würden mit ihren Millionen die Stars der Bundesliga weglocken und zahlreiche Titel in Europa gewinnen. Es drohe der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, selbst der FC Bayern habe schon seine Probleme bekommen, als er im Transfer-Poker um Kevin de Bruyne (von Wolfsburg zu Manchster City) vorzeitig aufgeben habe müssen, heißt es in zahlreichen Kommentaren.

Keine Panik

Diese Rhetorik und Berichterstattung ist jedoch auf Panik und Angstmache ausgelegt. In anderen Ressorts hätten Kommentatoren längst eingegriffen und erklärt, dass Angstmache nicht zum Journalismus und auch nicht zu vorausdenkenden Funktionären passe. Zurück zu den Fragen und Fakten: Warum bedeuten mehr Investitionen automatisch mehr Titel für die englischen Klubs? Warum soll der Bundesliga ein Ausverkauf an echten Bundesliga-Stars drohen? Es gibt kaum Anhaltspunkte, die diese Argumentationslinie stützen.

FC Bayern erfolgreicher als Chelsea

So lohnt schon mal ein Blick auf die vergangenen elf Jahre. In der Saison 2004/05 schied der FC Bayern im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Chelsea relativ deutlich aus, auch wenn das Gesamt-Resultat nur 5:6 aus Münchner Sicht lautete. Uli Hoeneß, damals Manager der Bayern, lenkte von der durchschnittlichen Leistung des Rekordmeisters ab und betonte sinngemäß, Chelsea sei mit den Millionen-Investitionen von Mäzen Roman Abramowitsch im Grunde nur noch schwer einzuholen.

Doch Chelsea erreichte 2005 nicht mal das Finale der Königsklasse. Und seitdem standen die Bayern öfter im Endspiel als die Londoner (3:2), auch wenn jeweils nur 1 Final-Triumph zu Buche steht. Das „Finale dahoam“ im Jahr 2012, als der FC Bayern gegen Chelsea im Elfmeterschießen unterlegen war, wurde weiß Gott nicht aufgrund von höheren Spielergehältern vergeigt.Und: Chelsea gab allein an Ablösen seit 2004/05 über eine Milliarde Euro aus, die Münchner nur rund die Hälfte (560 Millionen). Die Erfolgsbilanz ist dagegen relativ ausgeglichen.

Auch Manchester City kommt im Europacup nicht weit

Auch andere Klubs wie Manchester City dienen nun nicht gerade als Erfolgsbeispiel aus England, nur weil deutlich mehr Geld investiert wird. Faktisch noch besser untermalen lässt sich dies mit der UEFA-Fünf-Jahreswertung: Dort haben die deutschen Klubs die Vereine aus der Premier League in den vergangenen Jahren vom 2. Platz verdrängt.

Bereits jetzt können die Engländer schon deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, echte Stars aus der Bundesliga wollten oder konnten sie dennoch kaum verpflichten. Der schmerzlichste Verlust zuletzt war wohl Kevin de Bruyne (von Wolfsburg zu Manchester City), doch sympathisierte der Belgier auch schon in früheren Jahren mit der Premier League.

Müller blieb in München

Dagegen wechselten zum Beispiel weder Bayerns Thomas Müller noch Dortmunds Mats Hummels auf die Insel – und wenn das Weltmeister-Duo künftig doch noch einem Transfer einwilligen würde, dann eher, weil es eine neue Herausforderung für sie bedeutet.

Ein weiteres Argument gegen die Panikmache: Die Bundesligaklubs können mit ihren professionellen Nachwuchsleistungszentren Talente en masse ausbilden. Geht ein Star, wächst eben der nächste heran.

Mehr Geld – aber keine Angstmache

Für Panik vor den finanzstarken englischen Klubs gibt es kaum einen Grund. Warum also setzen zahlreiche Funktionäre und Berichterstatter dennoch auf Horror-Szenarien? Eine Mutmaßung: Es baut öffentlichen Druck auf, damit TV-Anstalten wie Sky demnächst für die Bundesliga-Rechte tiefer in die Tasche greifen. Die Forderung nach höheren Einnahmen ist zwar ein legitimes Recht der Bundesliga-Klubs, für die Aufrechterhaltung des sportlichen Erfolgs spielen noch mehr TV-Gelder jedoch keine wesentliche Rolle.

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Über Daniel Michel

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