Interview am Morgen

Mill: „Die Bayern wollten mich zweimal“

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Essen – Er machte 387 Bundesligaspiele und schoss 123 Tore. Er galt als wieselflink, schlitzohrig und war bei jedem seiner Vereine der Publikumsliebling. Frank Mill (57 Jahre) betreibt heute mehr als 95 Fußballstandorte im Bundesgebiet und vermittelt jungen Nachwuchskickern den Spaß am Fußballspielen. Im „Interview am Morgen“ spricht er mit der Redaktion von fussball.news über seinen berühmten Fehlschuss, seinen Lieblingsgegenspieler und wen er heute am liebsten noch einmal schwindelig spielen würde.

fussball.news: Herr Mill, Sie haben einen vollen Terminkalender. Wo sind Sie gerade?

Frank Mill: Ich bin gerade in ganz Deutschland unterwegs und plane das nächste Jahr für meine Fußballschulen. Bis zur nächsten Woche muss das Jahr 2016 stehen.

fussball.news: Sie betreuen inzwischen 95 Fußballstandorte für Kinder und Jugendliche im ganzen Bundesgebiet. Woran erkennen Sie große Fußball-Talente?

Mill: Das ist in der Tat schwierig. Mit elf bis 13 Jahren können sie gut sein, aber ob das dann mit 16 auch noch der Fall ist? Der Drang und der Wille, weiter Fußball zu spielen, der muss gegeben sein. Dazu kommen vielerlei Genussmittel und natürlich auch irgendwann die süßen Mädchen… da warten viele Versuchungen links und rechts. Aber nach Talenten schaue ich nicht speziell. Bei mir steht der Spaß im Vordergrund. Ich arbeite mit ganz normalen Kindern, aber auch schwererziehbaren und sogar mit geistig zurückgebliebenen Kindern.

fussball.news: Schauen wir zurück auf Ihre Karriere. Welches war Ihr emotionalstes Spiel als Spieler?

Mill: Da gab es natürlich einige. Aber das DFB-Pokalendspiel 1989 mit Borussia Dortmund in Berlin war schon sehr emotional. 300.000 Fans erwarteten uns in Dortmund und haben Spalier gestanden. Das muss man sich in der heutigen Zeit mal vorstellen: Wir sind in offenen Wagen vom Flughafen Holzwickede nach Dortmund gefahren und brauchten dafür viele Stunden.

fussball.news: Waren Sie damals auch so heiser vom Singen wie einst Jürgen Klopp? Stichwort: Rubbeldikatz am Borsigplatz.

Mill: Nein, das nicht. Ich war ja nicht der größte Sänger. Aber klar, in der Euphorie singt man natürlich alle erlaubten und unerlaubten Lieder mit.

fussball.news: Aber Sie wurden doch musikalisch ausgebildet. Sie waren doch einer der letzten Nationalspieler, die noch einen WM-Song eingesungen haben…

Mill: (lachend) Ja, das ist richtig. Sogar zweimal. 1986, da bin ich dann leider nicht im finalen Kader gewesen, und dann zur Weltmeisterschaft 1990. Gesungen haben wir übrigens mit Peter Alexander und Udo Jürgens. Eine große Gesangskarriere hat sich daraus aber nicht entwickelt. Aber glauben Sie mir, ich habe die Lieder einmal mit und einmal ohne Musik gehört. Ohne Musik war das schon grausam. Aber mit der schon damals vorhandenen Technik dachte man anschließend, es würden die Fischer-Chöre singen.

Frank Mill gibt dem Portal eigentor.de ein längeres Interview, zu sehen im Youtube-Video:

fussball.news: Welches Spiel hat bei Fußball-Fan Frank Mill als Zuschauer zuletzt bleibenden Eindruck hinterlassen?

Mill: Zuletzt das Spiel Bayern gegen Wolfsburg. Die fünf Tore von Lewandowski, für mich als Stürmer natürlich weltklasse. Grundsätzlich aber auch die Spiele Dortmund gegen Bayern, aus taktischer Sicht betrachtet. Ich bin aber eher an technischen Finessen interessiert, wenn der Ball gut läuft…

fussball.news: Wer war einst Ihr härtester Gegenspieler?

Mill: Klarer Fall: Dimitrios Tsionanis von Waldhof Mannheim. Grieche. Klein. Keine 1,70 groß. Schnell. Der hat das immer sehr geschickt gemacht. Da gabs immer auf die Stäbe, der hat gehalten, gekratzt. Aber nie gespuckt. Halt alles, was erlaubt war. Die ersten vier Fouls hatte der immer frei. Und der Kerl war so clever. Alte Waldhof-Schule halt.

fussball.news: Geben Sie es zu, Herr Mill: Tsionanis, über den Trainerlegende Max Merkel einst sagte, er würde sogar eine Kiste Cola aus dem Strafraum köpfen, würden Sie doch heute noch so richtig in der Telefonzelle schwindelig spielen wollen, oder?

Mill: (lachend) Ich befürchte, an seiner Grundeinstellung hat sich nichts geändert. Der würde auch da alles geben. Er ist aber wirklich ein sehr netter Kerl. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und uns ausgetauscht.

fussball.news: Sind auf diese Weise echte Männerfreundschaften entstanden?

Mill: Ja, das ist in der Tat so. Da gab es auch noch den Lothar Woelk vom VfL Bochum. Oh ja, der war sehr unangenehm und fies. Aber, wenn die 90 Minuten rum waren, war das der liebste Mensch. Das ist bei vielen Paarungen Stürmer und Abwehrspieler so.

fussball.news: Sie haben so viel im Fußball erlebt. Gibt’s noch eine lustige Anekdote?

Mill: Natürlich. Zum Beispiel in Bezug auf meine Heimatstadt Essen und Willi „Ente“ Lippens. Wir hatten ein Aufstiegsspiel in Karlsruhe 1:5 verloren und am Abend gnadenlos zugeschlagen. Wir waren in einer Jugendherberge untergebracht. Willi war schon auf dem Zimmer. Die Knie vor dem Bett, Oberkörper noch in der Luft und auf die Ellbogen abgestützt. Er schlief tief und fest. Da habe ich ihm die ganze Kiste Bier, jede einzelne Flasche, ins Bett rein gelegt. Als er wach wurde, polterten die ganzen Flaschen lauthals auf den Boden. Das wirft er mir heute noch vor.

fussball.news: Bleiben wir im Revier. Wie sehen Sie Ihre Vereine (BVB, RWE) heute?

Mill: Durch die Umstrukturierung beim BVB hat sich nach der letzten Saison vieles zum Guten gewendet. Da ist noch Luft nach oben. Wirklich zufrieden ist man ja nie. Sie spielen einen guten Fußball. Ich hätte auch nicht gedacht, dass Thomas Tuchel die Truppe so schnell wieder hin bekommt. Da war ich überrascht. Man kann sich den Fußball des BVB gut anschauen. Bei Rot-Weiß Essen bin ich etwas enttäuscht. Immerhin ist das die Mannschaft mit dem höchsten Etat in der Liga. Leider krebsen sie im Mittelfeld herum. Zwei Spiele habe ich gesehen und tja, das ist nicht besonders anschaulich. Das ist schade, denn wenn der Erfolg da ist, kommen in Essen ganz schnell auch wieder die Zuschauer. Das habe ich an der Hafenstraße oftmals selbst erleben dürfen.

fussball.news: Mal ehrlich, Herr Mill: BVB gegen Krasnodar – setzen Sie sich da vor den Fernseher?

Mill: Ich habe es sehen können, da ich mich mit meinem Stammtisch getroffen habe. Da lief der Fernseher im Hintergrund. Aber es ist schon richtig, dafür würde ich jetzt auch nicht unbedingt ins Stadion gehen. Hinzu kam vielleicht auch, dass beide Teams schon für die nächste Runde qualifiziert waren und der größte Druck bereits raus war.

fussball.news: Ein Blick in die Bundeliga. Der FC Bayern hat in Mönchengladbach drei Punkte liegengelassen. Ansonsten rast der Münchner-Express von Sieg zu Sieg. Gibt es weiter die große Langeweile?

Mill: Tja, man hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass an der Spitze Langeweile herrscht. Der erste Platz ist aus meiner Sicht für die nächsten drei, vier Jahre vergeben. Wenn alles normal läuft, geben die Bayern pro Saison keine zehn Punkte ab.

fussball.news: Michael Zorc, Manager des BVB, sagte zuletzt, mit der Punktausbeute der Borussia wäre man fast überall Tabellenführer…

Mill: Das stimmt ja auch. Schauen Sie sich die anderen europäischen Ligen an. Mit 32 oder 36 Punkten ist man dort Tabellenführer.

fussball.news: Wo sehen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich?

Mill: Die Bundesliga ist ganz klar mit der spanischen Liga die stärkste.

fussball.news: Können Sie dann nachvollziehen, wenn deutsche Nationalspieler zum Beispiel in die Türkei wechseln?

Mill: Nun gut, zum Abschluss der Karriere ist das vielleicht noch ein gutes Zubrot. Unter dem Strich geht es einzig und allein ums Geldverdienen.

fussball.news: Aber einige Spieler wollen über den Umweg Türkei noch auf den EM-Zug aufspringen.

Mill: Wenn Lukas Podolski dort ein paar Tore schießt, wird im das bestimmt nicht schaden. Warum er aber noch zur EM fahren will, erschließt sich mir nicht. Worum geht’s ihm noch? Seine Zeit ist schon etwas länger abgelaufen. Er wird ab und an noch mal eingewechselt, weil er ja auch ein verdienter Spieler ist. Aber ich habe den Eindruck, einige können einfach nicht Schluss machen. Man muss auch mal sagen können: Lass´ gut sein! Es kommen jüngere…

fussball.news: Sie galten einst als Schlitzohr und sind auch heute einer der lustigen Vertreter. Fehlt – bei aller Professionalität im heutigen Fußball – nicht auch etwas Show? So ein Typ Marke Thomas Müller, der tut doch gut, oder?

Mill: Klar, er ist einfach unorthodox. Das fängt beim Toreschießen an. Knie, Hacke, Kopf – alles meistens immer drin. Er ist auch bestimmt privat ein lustiger Kerl und tut der Liga wirklich unheimlich gut. Grundsätzlich, auch im Sinne der Fußball-Fans, ist es sehr schade, dass es keine Typen mehr gibt. Alle Spieler sind angepasst. Alleine die Interviews nach dem Spiel. Und: es sagt ja fast niemand mehr die Wahrheit.

fussball.news: In Ihrem ersten Spiel für den BVB gelang Ihnen der wohl berühmteste Pfostenschuss im deutschen Fußball nach dem legendären Wembley-Tor. Eine der vielen Szenen, die Sie zur Kultfigur machten, oder?

Mill: Ja, das war wohl mit die legendärste Szene. Aber auch das Spiel gegen Hannover 96, als ich dem Ralf Raps (Anm. der Redaktion Torwart der 96er) den Ball vom Handteller geköpft habe. Ich habe immer versucht, das Beste zu geben, zu kämpfen. Aber auch authentisch und ehrlich zu sein.

Drin das Dingen: Mill köpfte Ralf Raps den Ball aus der Hand
Link: http://www.sportschau.de/tdm/archiv/chronik80er/april1988tdm100.html

fussball.news: War das eigentlich bevor Sie ein Angebot von Bayern erhalten haben oder danach?

Mill: Das Angebot von Bayern habe ich vor diesem Spiel erhalten. Insgesamt hatte ich sogar zweimal ein Angebot von den Bayern, einmal sogar unter Pal Csernai. Aber letztlich war die Entscheidung für den BVB wunderbar. Das lustige ist ja, dass ich bei dem 2:2-Unentschieden beide Vorlagen zu unseren Toren gegeben habe. Somit war mein Einstand trotzdem sehr gelungen.

fussball.news: Fußball und Frank Mill, das ist wie…?

Mill: …eine Hassliebe! Ich habe ja täglich durch die Arbeit mit meinen Fußballschulen mit diesem Sport zu tun, zudem kicke ich noch etwas in der BVB-Traditionsmannschaft. Alles ohne Tabletten. Noch geht es und es macht Spaß, auch wenn junge Spieler wie Giovanni Frederico oder David Odonkor dabei sind, die mehr als 15 Jahre jünger sind.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das in der Regel exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

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