Frankreich

Porträt: Fekir lebt seinen Traum bei Olympique Lyon

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Nabil Fekir hat vor dem ersten Spiel bei der Weltmeisterschaft in Russland gegen Australien (Samstag/12 Uhr) aufregende Tage hinter sich gebracht. Sein angedachter Wechsel von Olympique Lyon zum FC Liverpool scheiterte. Doch wer ist der Mittelfeldspieler, für den die Reds 60 Millionen zu zahlen bereit gewesen sind?

Wenn Fekir an den Ball kommt, ist er kaum zu stoppen und von diesem zu trennen. Der in Lyon geborene Mittelfeldspieler mit algerischen Wurzeln zählt zu den technisch stärksten und kreativsten Spielern der französischen Ligue 1. Er war an 25 von insgesamt 87 Toren des Tabellendritten beteiligt. Wenn es im gegnerischen Strafraum gefährlich wurde, hatte der am 18. Juli 1993 geborene Fekir seine Füße mit im Spiel. Neben Tempo und Durchsetzungsvermögen bringt er zudem eine selten gesehene Beidfüßigkeit mit.

Wesensveränderung bei Fekir, wenn er die Fußballschuhe anziehen durfte

Fekir ging seine ersten Schritte im Alter von sieben Jahren bei Athletic Club Villeurbanne, einer Gemeinde in Lyon. Nach nur einer Saison zog er bereits weiter zum FC Vaulx-en-Velin, einer Stadt im östlichen Ballungsraum von Lyon. Dort blieb er zwei Jahre ehe der für seine gute Jugendarbeit bekannte Caluire Saint-Clair auf ihn aufmerksam wurde. „Er war jemand, der zurückhaltend war, sich aber beim Anziehen seiner Schuhe verändert hat“, sagte Samir Retbi, der damalige technische Leiter von Caluire, in einem Gespräch mit sofoot.

Erster Rückschlag in der Jugendabteilung von Lyon

Der Werdegang von Fekir – der schon in seiner Kindheit nicht ohne Ball auskommen konnte und dabei zusammen mit den Geschwistern einige Kronleuchter und Vasen zu Bruch gingen ließ – war früh gezeichnet. Er stach immer heraus und es schien nur eine Frage der Zeit, bis Olympique Lyon ihn auf dem Zettel haben sollte. 2003 war es für ihn endlich soweit und somit bekam der Offensivspieler mit zwölf Jahren die Chance, sich zu beweisen. Fekir erster Anlauf beim französischen Topklub scheiterte aber aus zweierlei Gründen: Eine Knieverletzung setzte ihn mehrere Monate außer Gefecht, zudem galt er körperlich als „zu klein und schwach.“ Es war ein erster Rückschlag in einer Karriere, die bis dahin nur den Weg nach oben kannte.

Rückschritt als wichtige Grundlage

Er ging nach dieser für ihn depremierenden Episode, infolge dessen er sogar über das Karriereende nachdachte, zurück zum FC Vaulx-en-Velin. Fekir hatte zunächst das Ziel, wieder gesund und topfit zu werden. „Nabilon“, wie er mit Spitznamen genannt wird, war das Toptalent. „Er hat seine Gegenspieler gedemütigt“, sagte sein früherer Mitspieler Nael Fedlaoui vor einigen Jahren. Die Scouts nahmen ihn zügig wieder in ihr Blickfeld auf und so wurde Vaulx-en-Velin nach drei Jahren zu klein für den Mittelfeldmann.

Lebensmittelpunkt in Lyon

Die Metropole Lyon blieb dabei allerdings der Lebensmittelpunkt von Fekir. Beim AS Saint-Priest, einem Vorort im Südosten, holte er sich Spielpraxis auf höherem Niveau. Unter teilweise sehr schwierigen Bedingungen setzte er sich durch und von seinen Mitspielern ab. Sein damaliger Trainer Robert Mouangue gab zu: „Es war offensichtlich, dass er besser war als die anderen. Von den Jahrgängen 1992 bis 1994, die ich in der Region Lyon gesehen habe, gehörte er sicherlich zu den Top 3.“

Provokation im Derby

Fekirs Traum war aber weiterhin, für Olympique spielen zu dürfen. Der Topklub wurde aber erst dann wieder auf ihn aufmerksam, nachdem der AS Saint-Etienne angefragt hatte. Er weigerte sich aber für den von Lyon mit dem Auto rund eine Stunde entfernten Rivalen zu spielen. Unvergessen blieb im November 2017 eine provokante Aktion, als er nach einem Tor zum 5:0 kurz vor Schluss das Trikot auszog, in Lionel Messi-Manier hochhielt und vor dem gegnerischen Fanblock jubelte. Die Anhänger von Saint-Etienne verloren daraufhin die Nerven und stürmten das Feld, was zum Spielabbruch führte. Die Nummer 18, heute Kapitän von Lyon, begründete damals: „

Hochmotivierte Rückkehr nach Olympique

Unbestritten aber bleibt das große Talent von Fekir. 2011 ging er zurück zu seinem Traumverein Lyon und schnürte dort zunächst – mit einem Amateurvertrag ausgestattet – seine Schuhe für die zweite Mannschaft. „Ich wollte ihnen zeigen, dass sie einen Fehler gemacht haben“, äußerte er seine Motivation. Im August 2013 feierte er bei einer 1:2-Niederlage beim FC Evian sein Profidebüt. Trainer Remi Garde setzte allerdings noch nicht regelmäßig auf dessen Qualitäten und brachte ihn häufig als Einwechselspieler in die Partien. Seine stärkste Partie lieferte er gegen den SC Bastia am 35. Spieltag ab: Beim 4:1-Heimsieg traf er einmal und legte zweimal auf.

Länderspieldebüt gegen Brasilien

Der endgültige Durchbruch folgte nach stotterndem Beginn in der darauffolgenden Spielzeit. 13 Treffer und zwölf Vorlagen in 34 Begegnungen waren die herausragende Bilanz von Fekir. Dieser Aufstieg wurde mit dem Länderspieldebüt beim Testspiel gegen Brasilien (1:3) belohnt – er, der zuvor nicht die ganzen U-Jugendnationalmannschaften durchlief setzte sich nun auf höchster Ebene in Szene. Die Wahl für Frankreich fiel ihm nicht einfach, schließlich hätte er auch für Algerien auflaufen können. Doch der Reiz, bei der Europameisterschaft im eigenen Land mitwirken zu dürfen, war stärker.

Rückschlag in der Nationalmannschaft

Doch Fekir erlitt den nächsten Rückschlag in seiner noch so jungen Karriere: Während seines ersten Länderspiels von Beginn an gegen Portugal (1:0) verletzte er sich erneut schwer und fiel aufgrund eines Kreuzbandrisses monatelang aus. Nationaltrainer Didier Deschamps verzichtete auf ihn beim Turnier und so musste sich Fekir neu anbieten. Er kam gestärkt zurück und absolvierte in der Spielzeit 2016/17 32 Partien für Lyon, in denen er über neun Treffer und vier Assists jubeln durfte.

Wenig Chancen auf Einsätze bei der WM

Bei Deschamps gelang ihm allerdings noch nicht der endgültige Durchbruch. Im stark besetzten Mittelfeld der Nationalmannschaft kam Fekir nach seiner langen Verletzungspause nur selten zum Einsatz und wenn, dann wurde er zumeist spät eingewechselt. Ob der Nationaltrainer bei der Weltmeisterschaft auf ihn setzt und ihm Einsatzminuten schenkt ist noch unklar. Dennoch hat er sich auch ohne Durchbruch im Trikot der Equipe Tricolore ins Blickfeld größerer Klubs gespielt. Neben Liverpool, die ihn unbedingt haben wollten, soll auch der FC Bayern München ein Auge auf den Kapitän von Lyon geworfen haben. Den Ur-Lyoner aus seiner Heimatstadt zu lotsen, dürfte jedoch nicht leicht werden, da er diese noch nie für den Fußball verlassen hat.

Über Tom Strahmann

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