Interview am Morgen

Rudi Bommer: „Man muss Fredi Bobic eine faire Chance geben“

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München- Rudi Bommer zählt mit mittlerweile 58-Jahren gewissermaßen zur „alten Garde“ der deutschen Fußballtrainer. Unter anderem trainierte er 1860 München, den MSV Duisburg und Energie Cottbus. Zur Zeit coacht er den Oberligisten SC Hessen-Dreieich, vermittelt durch Eintracht Frankfurts Rekordspieler Karl-Heinz „Charly“ Körbel. Auch Bommer hat eine Vergangenheit bei den Hessen. Im Interview mit fussball.news spricht er über seinen Ex-Klub, Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic und verrät, was ihm Sorgen bereitet.

Den Namen Rudi Bommer verbinden die meisten Menschen mit Eintracht Frankfurt. Dort spielte der heute 58-Jährige zwischen 1992-1997 fünf Jahre lang. Noch als Aktiver trainierte er die Reserve der SGE und war später auch Co-Trainer der Bundesliga-Mannschaft. Seine größten Triumphe feierte er hingegen mit einem ganz anderen Klub. Gleich zwei DFB-Pokalsiege (1979 und 1980) sowie eine Finalteilnahme im Europapokal der Pokalsieger (3:4 Niederlage nach Verlängerung gegen den FC Barcelona) 1979 erlebte Bommer mit Fortuna Düsseldorf. „Es war eine sehr, sehr schöne Zeit“, sagt er rückblickend.

Doch 1985 verkauften ihn die Rheinländer aus finanziellen Zwängen an Bayer Uerdingen. „Sonst wäre ich vielleicht heute noch in Düsseldorf“, so Bommer. „Nachdem die Allofs-Brüder schon weg waren, war ich der Spieler, der am meisten Geld brachte. Die beiden Vereine haben sich dann geeinigt und mir die Entscheidung mitgeteilt“, erinnert er sich und gibt zu: „Zuerst war ich nicht sonderlich begeistert davon und musste mich mit dem Gedanken erst mal anfreunden.“ Was er schließlich tat und mit Uerdingen das legendäre „Wunder von der Grotenburg“ erlebte. Insgesamt bestritt er für Düsseldorf, Uerdingen und Frankfurt zwischen 1976 und 1997 417 Bundesligaspiele. Im DFB-Trikot zählen der Gewinn der olympischen Bronzemedaille 1988 in Seoul und die Teilnahme an der EM 1984 in Frankreich bei insgesamt sechs A-Länderspielen zu seinen größten Erfolgen.

fussball.news: Herr Bommer, Sie gehörten zur DFB-Auswahl, die 1988 in Seoul beim Olympischen Fußballturnier teilnehmen durfte. Am Ende stand der Gewinn der Bronze-Medaille. Wie sind Ihre Erinnerungen?

Rudi Bommer: Die Spiele 1984 in Los Angeles waren eigentlich viel schöner. Wir haben in Seoul in weniger schönen Hochhäusern gewohnt. In Amerika hingegen wissen sie, wie man solche Events organisiert.

fussball.news: Was war ihr eindrucksvollstes Olympia-Erlebnis außerhalb des Fußballs?

Bommer: 1984 war es zunächst so, dass uns die Handballer kritisch beäugt und gedacht haben: „Ach die Fußballer mit ihren Rolex-Uhren.“ Da mussten wir einiges an Überzeugungsarbeit leisten und zeigen, dass wir nicht abgehoben sind. Zumal ja auch nicht alle von uns Rolex-Uhren hatten (lacht). Wir mussten den Athleten anderer Sportarten erst mal klarmachen, dass wir auch gerne mal zu den Spielen wollten, und es für uns genau so ein besonderes Erlebnis war. Als wir dann auch die anderen Sportler bei ihren Wettkämpfen unterstützt haben, hat sich das Bild, dass sie von uns hatten, gewandelt. Zum Beispiel habe ich mich mit Michael Groß auf ein Bier getroffen. Es sind einfach die Begegnungen mit Sportlern aus der ganzen Welt, bei denen man den olympischen Gedanken spürt.

fussball.news: Nachdem sich die Männer-Nationalmannschaft erstmals seit 28 Jahren wieder qualifiziert hatte, musste Horst Hrubesch in seinem Kader aus verschiedenen Gründen auf viele Profis verzichten. Das ersatzgeschwächte Team spielt jetzt im Viertelfinale gegen Portugal. Holt das Team die erhoffte Medaille?

Bommer: Die Spieler haben alle Bundesliga-Erfahrung, von daher traue ich ihnen schon viel zu. Das ist ja keine zusammengewürfelte Truppe, da sind Spieler wie die Bender-Zwillinge dabei, das sind alles gestandene Leute. Die Vorfreude und Motivation war im Vorfeld bei allen zu spüren. Die Portugiesen sind ein schwerer Gegner, wenn sie die schlagen, bringen sie auch eine Medaille mit nach Hause. Das wäre eine super-Sache nach 1988. Welche Farbe die Medaille hat, muss man abwarten. Da gehört auch Glück dazu.

fussball.news: Im Verein waren Sie fünf Jahre als Spieler und danach als Coach der Reserve und auch der Bundesliga-Mannschaft von Eintracht Frankfurt tätig. Wie ist ihr Kontakt zum Klub heute?

Bommer: Der Kontakt ist nie abgerissen. Ich bin ja auch noch oft bei den Heimspielen der Eintracht im Stadion. Da ich in Aschaffenburg wohne, bin ich aus Frankfurt auch nicht allzu weit weg. Zu meinem Amt als Trainer von Hessen Dreieich bin ich übrigens durch Charly Körbel gekommen, der bei mir angefragt hatte, ob ich das nicht machen wolle. In Ervin Skela und Youssef Mokhtari sind zwei ehemalige Eintracht-Profis in Dreieich tätig.


YOUTUBE-Video Mainkick TV: Rudi Bommer im Interview


fussball.news: Die Ära von Heribert Bruchhagen endete nach zwölfeinhalb Jahren in diesem Sommer. Wie wird sich die Eintracht unter Fredi Bobic verändern?

Bommer: Ich finde, man muss Frebi Bobic eine faire Chance geben. Interessant wird es zu sehen, wie Bruno Hübner und Fredi Bobic zusammenarbeiten. Die Frage ist: Wer spricht die Spieler und Berater an, wer wickelt die Transfers ab? Der Heribert hat sich da eher rausgehalten, jetzt gibt es in diesem Kompetenzbereich zwei handelnde Personen. Angst macht mir aber etwas anderes.

fussball.news: Was denn?

Bommer: Es wird jede Saison eine neue Mannschaft geformt. Jetzt ist Stefan Aigner gegangen, in den Jahren zuvor waren es Spieler wie Sebastian Rode, Pirmin Schwegler oder Patrick Ochs. Zudem wird immer die Parole: „Wir spielen um den Klassenerhalt“, ausgegeben. Das können und wollen die Fans in Frankfurt aber nicht jedes Jahr hören. Die Eintracht hat ein tolles Stadion, viele Zuschauer- da muss ich doch mal ein anderes Ziel ausgeben. Von der Euro-League zu reden, wäre vielleicht vermessen, aber wenn ich nur sage „wir wollen die Klasse halten“, verschaffe ich der Mannschaft außerdem doch von vorneherein ein Alibi. Für die Spieler ist das wenig motivierend. Zumindest ein einstelliger Tabellenplatz muss doch drin sein. Der Bundesliga-Standort Frankfurt, auch mit seiner starken Wirtschaft im Rücken, hat ein ganz anderes Potenzial.


YOUTUBE-Video Sat.1: Eintracht-Veteranen drehen auf


fussball.news: Was stört Sie noch?

Bommer: Jetzt habe ich gelesen, der Verein wolle „eine Mannschaft mit jungen Spielern aufbauen.“ Aber Bruno Hübner war doch im Vorjahr auch schon da. Hätte man nicht längst damit beginnen können? Ich erkenne kein Konzept und auch keine Entwicklung.

fussball.news: Was könnte der Verein anders machen?

Bommer: Ein Klub braucht Identifikationsfiguren. Der Wechsel von Stefan Aigner hat mich sehr überrascht. Das war wieder ein Schuss vor den Bug. Möglicherweise fehlt innerhalb der Eintracht die Wertschätzung. Ich muss als Verein auch mal investieren und Leistungsträger frühzeitig an den Verein binden.

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fussball.news: Frankfurt schaffte den Klassenerhalt in der abgelaufenen Saison erst in der Relegation. Vier Spieltage vor Schluss betrug der Rückstand auf Rang 16 bereits vier Punkte. Hätte es das „Eintracht-Wunder“ ohne Niko Kovac überhaupt gegeben?

Bommer: Ich glaube nicht. Die neuen Impulse durch die Kovac-Brüder waren absolut wichtig. Ich hätte ebenfalls den Trainer gewechselt. Niko und Robert haben im Abstiegskampf sehr gut gemacht und sind ruhig geblieben. In so einer Situation darf man nicht nervös werden, sonst überträgt sich das auf die Mannschaft. Niko Kovac ist von seiner Art her mit Thomas Schaaf vergleichbar, dessen Arbeit ich sehr geschätzt habe. Thomas wurde auf Rang neun entlassen, vielleicht hätte man ihm mehr Zeit geben müssen.


YOUTUBE-Video: Fans feiern Rudi Bommer


fussball.news: Jetzt hatte Niko Kovac das erste Mal eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft Zeit. Was trauen Sie ihm zu, was kann er mit der Eintracht in dieser Saison erreichen?

Bommer: Sowohl Niko als auch Robert haben auf einem hohen Niveau gespielt. Sie haben die nötige Ausstrahlung und Souveränität, die es in Frankfurt braucht. Klar ist: Es wird nicht einfach für die beiden Kovac-Brüder. Sie sind auch noch nicht so lange da. Bruno Hübner ist schon einige Jahre im Verein, deshalb müsste ein personeller Grundstock doch vorhanden sein. Es ist aber kein festes Gerippe im Team erkennbar. Das braucht es aber, damit die jungen Spieler drumherum auch funktionieren. Ansonsten gehen sie unter. Man weiß auch nicht wie lange Alex Meier noch spielt. Er hat ein gewisses Alter und ist immer mal verletzt. Es wird hochspannend, das Gesicht der Mannschaft ist wieder ein komplett neues. Die Eintracht ist eine Wundertüte in dieser Saison.

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fussball.news: Zuletzt wurde Kritik an Sportvorstand Fredi Bobic aufgrund des vielfältigen Nationen-Mixes im Kader laut. Von „Entfremdung“ war die Rede. Zuletzt sprang ihm Spieler Alex Meier zur Seite. Dennoch: Kann die erschwerte Kommunikation ein Problem werden?

Bommer: Das denke ich nicht. Beim Fußball musst du nicht viel übersetzen, da geht vieles per Handzeichen. Fußball ist eine einfache Sprache. Als ich Trainer in Duisburg war, gab es zum Beispiel auch immer Dolmetscher für meine Brasilianer. Das ist heutzutage eben so.

fussball.news: Kommen wir zum Abschluss noch einmal zu Ihnen persönlich: Ist die Rückkehr als Trainer in die ersten beiden Ligen oder gar ins Ausland noch ein Ziel von Ihnen?

Bommer: Das Ausland war noch nie mein Ziel. Als Spieler wollten mich US Lecce und der FC Sevilla verpflichten, da habe ich abgelehnt, weil ich gerade Nationalspieler geworden bin und kein Risiko gehen wollte. Auch als Trainer habe ich nicht die Ambition, im Ausland zu arbeiten. Zuletzt gab es Anfragen aus Rumänien und Ungarn, da habe ich aber gar nicht erst verhandelt, weil klar war, das ich das nicht machen wollte. Ich kann auch gut ohne Fußball leben. Klar: Anfragen aus Deutschland sind immer interessant.

fussball.news: Ist die ältere Trainer-Generation am Markt nicht mehr gefragt?

Bommer: Ich glaube, dass wir gerade eine Trendwende erleben. Friedhelm Funkel ist Trainer in Düsseldorf. Das kann auch daran liegen, dass viele Engagements der sogenannten „Laptop-Trainer“ nicht so geklappt haben.

Über David Reininghaus

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