Basler: „Ich bereue nichts“

München – Mario Basler war schon immer ein Typ, der polarisiert hat. Ob als junger Fußball-Profi, später als Leistungsträger und Nationalspieler oder nach seiner aktiven Laufbahn als Trainer. Ähnlich wie Stefan Effenberg nahm auch Basler nie ein Blatt vor den Mund. Der Pfälzer spielte in Deutschland für den 1. FC Kaiserslautern, Rot-Weiß Essen, Hertha BSC, Werder Bremen und Bayern München. Im Emirat Katar in Ar-Rayyan beendete er 2004 seine aktive Karriere nach nur einer Saison beim Al-Rayyan Sport-Club. Nach seiner Profi-Laufbahn war Basler Trainer bei Jahn Regensburg, Eintracht Trier, Wacker Burghausen und Rot-Weiß Oberhausen. Bei der TUS Koblenz war er Assistent von Uwe Rapolder. Seit Januar 2015 ist der 47-Jährige „Geschäftsführer Sport“ bei Oberligist 1. FC Lokomotive Leipzig. Im „Interview am Morgen“ mit fussball.news spricht Basler so offen wie selten zuvor über seine Karriere und das Profi-Leben – früher und heute.

21 Apr 1999: Goalscorer Mario Basler of Bayern Munich and team mate Samuel Kuffour celebrate victory in the UEFA Champions League semi-final second leg match against Dynamo Kiev at the Olympiastadion in Munich, Germany. Bayern won 1-0 on the night to gothrough 4-3 on aggregate. Mandatory Credit: Mark Thompson /Allsport
Mario Basler (r. Sammy Kuffour) gewann mit dem FC Bayern zwei Mal die Deutsche Meisterschaft. Im Champions-League-Finale 1999 erzielte er zudem das 1:0 für die Münchner gegen Manchester United. Zwei Minuten nachdem Basler (89.) ausgewechselt wurde, glich Manchester zum 1:1 aus. Vier Minuten später hatte Bayern den Pokal mit 1:2 verloren. Foto: Mark Thompson /Allsport

fussball.news: Herr Basler, wieviel war früher von Ihnen gespielt und wieviel davon war Mario Basler selbst?

Mario Basler: Im Großen und Ganzen war alles 100 Prozent Mario Basler. Manche Aktionen habe ich auch gebraucht, um mich selbst unter Druck zu setzen. Natürlich habe ich auch mit den Medien gespielt und sie das eine oder andere Mal ordentlich provoziert, aber alles in allem war ich das schon selber. Nichts war nur so gespielt.

fussball.news: Warum gibt es heute im Fußball nur noch wenige echte Typen im Fußball so wie Sie einer waren?

Basler: Ganz einfach: Die Vereine haben sich verändert. Die Klubs lassen viele Dinge doch gar nicht mehr zu und man legt unheimlich Wert auf Disziplin. Auch außerhalb des Platzes wird auf alles geschaut, zum Beispiel auf richtige Ernährung und Pressetermine. Die Spieler werden heutzutage aufgefordert, wenig in der Öffentlichkeit zuzulassen. Das große Problem ist inzwischen doch, dass ein Spieler gar nicht mehr so sein kann, wie er gerne wäre. Er wird dazu getrieben, dass abseits des Rasens nichts mehr passieren soll, was für Schlagzeilen sorgen könnte.

fussball.news: Haben Typen wie Sie oder ein Stefan Effenberg früher einfacher und freier oder einfach nur unprofessioneller gelebt?

Basler: Früher konntest du dich als Profi freier bewegen. Es gab kein Twitter, Facebook, keine Handy-Videos und auch keine Selfies. Heute steht an jeder Ecke ein Fan, macht ein Foto von dir oder nimmt ein Video auf, dass kurze Zeit später im Internet landet. Das wirft oft ein schlechtes Licht auf einen Spieler und das ist die große Problematik an der ganzen Geschichte. Da hatten wir es früher wesentlich einfacher. Die Disko-Bosse waren zu meiner Zeit etwas humaner (lacht) und haben auch darauf geachtet, dass nicht jeder drauflos knipsen durfte. Heute ist das doch gute Werbung für einen Club-Besitzer, wenn da ein Fußball-Profi oder ein Promi im Haus ist. Es wird vieles nicht mehr so geschützt, wie es früher der Fall war.

Link: Hier geht es zur Homepage von Mario Basler

fussball.news: Was unterscheidet den Profi von heute zu dem von früher?

Basler: Früher ging es etwas lockerer zu. Wir hatten vielleicht auch medienbedingt Druck, aber heute können viele Spieler mit dem Druck nicht umgehen. Die Jungs heute haben da ihre Probleme. Wir haben das zu meiner Zeit besser geschafft, auch da war der Druck groß, ganz besonders auf meiner Person, denn ich galt aufgrund meiner Eskapaden außerhalb des Platzes nicht unbedingt als Musterprofi. Pflegeleicht war anders. Die Medien hatten immer darauf gewartet, dass ich schlecht spiele. Vieles, was im Privatleben raus kam, konnte ich aber auf dem Platz wieder gerade rücken. Ich habe mir den Druck selbst auferlegt, aber am Wochenende hat meine Leistung eben gestimmt.

Youtube-Video: Mario Basler lieferte sich 1998 ein großartiges Rededuell mit Günther Jauch

fussball.news: Es war also damals einfacher Profi zu sein?

Basler: Ja. Wir hatten bei Bayern auch Konkurrenz, aber es war sicherlich nicht die hohe Anzahl an Qualität wie heute. Heute gibt es 20 Nationalspieler im Team, das gab es früher bei weitem nicht.

fussball.news: Warum glauben Sie, sind Sie den Leuten bis heute als echter Typ bzw. positiv Bekloppter im Kopf geblieben?

Basler: Die Fans oder selbst die Journalisten mögen mich auch heute noch, weil sie wissen, dass ich ein gradliniger Mensch bin, der die Wahrheit sagt. Ich stehe immer zu den Dingen, die ich sage. Es gibt für mich keinen Grund zu lügen. Ich bin fußballerisch den Leuten im Gedächtnis geblieben, aber auch für meine besondere Art und Gradlinigkeit. Ich kann mich bis zu einem gewissen Moment zurücknehmen, aber irgendwann geht mir die heutige Ungerechtigkeit im Fußballzirkus auf die Nerven. Ich hasse Heuchelei.

fussball.news: Apropos Zirkus: Der Einfluss der Pressesprecher der Vereine oder der Sponsoren war früher sicher nicht so groß. Wurden den Spielern zu Ihrer aktiven Zeit auch Dinge vorgeschrieben?

Basler: Es gab schon viele Dinge, wie die Bettruhe um 23 Uhr zwei Tage vor einem Spiel, um nur ein Beispiel zu nennen. Es war früher nicht so, dass wir tun lassen durften, was wir wollten. Auch uns wurden viele Vorgaben gemacht. Aber es war schon sehr viel lockerer als heute.

fussball.news: Wie verlief Ihr Umgang mit den Medien? Inwieweit haben Sie diese für sich selbst genutzt?

Basler: Na klar hat man mit den Medien etwas gespielt. Ich kann sagen, dass ich zu allen Medien ein gutes Verhältnis hatte, weil die Medien haben ja auch mich gebraucht. Ich wusste das natürlich und dann habe ich das für meine Position in der Öffentlichkeit ganz klar genutzt. Das war für mich immer ein Geben und Nehmen.

18 Mar 2001: Mario Basler of Kaiserslautern runs with the ball during the German Bundesliga match against Werder Bremen played at the Weserstadion, in Bremen, Germany. Kaiserslautern won the match 2-1. Mandatory Credit: Stuart Franklin /Allsport
Mario Basler spielte für Kaiserslautern (Bild), Bremen und Bayern in der Bundesliga. In 262 BL-Einsätzen erzielte er 62 Tore. Foto: Stuart Franklin /Allsport

fussball.news: Wer war für Sie früher der größte Charakterkopf und wer ist es heute?

Basler: Zu meiner Zeit war das nur Lothar Matthäus. Er war ein Vorzeigeprofi und ein hervorragender Fußballer. Wir haben uns super verstanden. Wie der Lothar auch im fortgeschrittenen Alter trainiert hat, wie er fit war und sich nach schweren Verletzungen zurückgekämpft hat, das war schon alla boneur. Für mich hat Lothar Matthäus die 90er Jahre geprägt. Heute ist es schwierig, einen Spieler hervorzuheben, der die Bundesliga prägt. Wir haben viele Profis, die ein gewisses Niveau haben und hervorragende Fußballer sind, aber die richtigen Charakterköpfe haben wir nicht mehr und die werden wir in den nächsten Jahren auch nicht mehr kriegen.

fussball.news: Auf welche Aktion abseits des Rasens sind Sie besonders stolz und welche bereuen Sie?

Basler: Besonders stolz macht mich, dass ich mich irgendwann dazu entschlossen habe, mich für behinderte Kinder zu engagieren und wir mit unserer Schule sehr viel Geld eingenommen haben. Das macht mich schon stolz. Wir konnten viele technische Mittel bereitstellen für die Kinder und behindertengerechte Kindergärten errichten. Das ist doch eine tolle Sache. Ich weiß heute, dass es die richtige Entscheidung war, mich dafür zu engagieren. Was ich bereue? Ich bereue nichts.

fussball.news: Hatte ein Mario Basler in seiner Karriere echte Freunde und gab es auch Feinde?

Basler: Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, richtige Freunde im Fußball zu finden. Ich habe sicher den einen oder anderen Kumpel gewonnen wie Lothar oder Stefan Effenberg, mit dem ich auch heute immer noch in gutem Kontakt bin. Wir haben ja doch sehr viel Zeit miteinander verbracht beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Feinde? Da habe ich genügend, aber die kann ich jetzt nicht alle aufzählen (lacht), aber ich weiß, dass ich viele Feinde in meinem Leben hatte und auch noch habe.

DOHA, QATAR: German stars Mario Bassler (front) of al-Rayan and al-Arabi's Stefan Effenberg (R) chat while running during their Qatari league match at al-Arabi stadium in Doha 15 November 2003. The match ended in a 1-1 draw. AFP PHOTO/Karim JAAFAR (Photo credit should read KARIM JAAFAR/AFP/Getty Images)
Mario Basler spielte 2003 für Al-Rayan in Katar, Kumpel Stefan Effenberg für Al-Arabi.  Foto: KARIM JAAFAR / AFP / Getty Images

fussball.news: Negativer Höhepunkt Ihrer Karriere war sicher die Pizza-Affäre 1999, die zu Ihrer Suspendierung beim FC Bayern führte. Oder?

Basler: Außergewöhnlich ist die Pizza-Affäre mit Sven Scheuer (früherer Bayern-Torwart, Anm. der Red.)  allemal, die leider zu meinem Aus bei Bayern führte. Ich kann auch heute noch mit gutem Gewissen sagen, dass ich damals nichts getan habe, ich wurde zu Unrecht vom Verein suspendiert. Da gibt es Zeugen dafür, dass ich unschuldig war. Ich weiß, was wirklich passierte.

fussball.news: Was denn?

Basler: Viele wissen, dass es nicht so war. Ich weiß zudem, dass viele in der Sache auch falsche Entscheidungen getroffen haben. Das wurde mir im Nachhinein gesagt. Der Sven Scheuer hat dem jungen Mann von der Pizzeria im wahrsten Sinne des Wortes eine gescheuert (lacht) und ich wäre gegen diesen Typ vor Gericht gegangen, doch Sven und ich waren bei der gleichen Beratergesellschaft und wir hatten den gleichen Anwalt. Das große Problem aber war, dass Sven zu diesem Zeitpunkt vorbestraft war, deswegen konnte ich nicht vor Gericht gehen, weil ich Sven schützen wollte. Ich musste schließlich 8.500 DM bezahlen für das, dass ich nichts getan habe. Hinzu kam noch die Suspendierung. Klar war, dass ich mit einer 50.000 DM-Geldstrafe hätte verhindern können, dass ich bei Bayern rausfliege, aber gradlinig, wie ich immer war, habe ich das nicht akzeptiert. Ich hätte es mir einfach machen können. Man hat mich aber wohl auch deshalb suspendiert, weil ich zuvor meinen großen Vertrag nicht verlängern wollte, den man mir angeboten hatte.

fussball.news: Eine der außergewöhnlichsten Geschichten Ihrer Karriere war die Szene, als Sie sich als Spieler des 1. FC Kaiserslautern bei einem Eckball einen Pepita-Hut aufsetzten, den sie kurzerhand einem Rollstuhlfahrer entwendet hatten. Müssen Sie da heute auch noch schmunzeln?

Basler: Auf jeden Fall. Mit Sicherheit war das die Geschichte, die für mich bezeichnend war. Ich habe in diesem Moment einfach so reagiert, wie ich einfach bin. Ich war immer ein spontaner Mensch und hätte den Eckball auch mit dem Hut geschossen, nur der Linienrichter hatte es mir verboten, weil ich bereits eine Gelbe Karte hatte. Hätte ich keine gehabt, dann hätte ich ihn wahrscheinlich geschossen. Dann aber wäre  wohl Gelb-Rot die Konsequenz gewesen und das konnte ich nicht riskieren. Es war Basler live und das hat immer für mich gesprochen. Das wissen auch die Menschen, die mich kennen. Mit mir kann man Pferde stehlen. Wenn mich aber Jemand belügt oder versucht Spielchen mit mir zu spielen, dann kann ich auch anders. Ich nehme letztendlich aber viele Dinge einfach nicht so ernst, weil es viel größere Probleme auf dieser Welt gibt.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das in der Regel exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

Das nächste „Interview am Morgen“ folgt nach den Weihnachtsferien und zum Start der Vorbereitung auf die Rückrunde am 4.1.2016.

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