Eckstein: „Ich bin eine absolute Legende“

München – Dieter Ecksteins Leben ist geprägt von Schicksalsschlägen. Der frühere Stürmer des 1. FC Nürnberg (spielte unter anderem noch für Eintracht Frankfurt, den FC Schalke und den FC Augsburg) verlor früh seine Eltern, 1988 starb sein sieben Wochen alter Sohn Dennis am plötzlichen Kindstod. 1992 brannte sein Haus ab, 2001 wurde Hodenkrebs diagnostiziert. Schließlich erlitt der heute 51-Jährige 2011 bei einem Benefizspiel in Regensburg einen Herzstillstand und musste reanimiert werden. Unterkriegen lässt sich „Eckes“, wie er schon als Jugendlicher genannt wurde, von alldem nicht. Er war ein Leben lang ein Kämpfer. Im Interview mit fussball.news spricht er über seine Profikarriere, seinen schlechtesten Trainer und sein Leben.

NUREMBERG, GERMANY - NOVEMBER 14: Dieter Eckstein and Manfred Reuter pose during the Club of former national players meeting at Grundig-Stadion on November 14, 2014 in Nuremberg, Germany. (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)
Dieter Eckstein (l.) und Manfred Reuter haben beim Treffen ehemaliger deutscher Nationalspieler in Nürnberg viel Freude. Eckstein erzielte in 289 Bundesliga-Spielen 84 Tore, für die Nationalmannschaft machte er sieben Pflichtspiele. Foto: Dennis Grombkowski /Bongarts / Getty Images.

fussball.news: Herr Eckstein, wie blicken Sie auf Ihre Karriere als Fußballprofi zurück?

Dieter Eckstein: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vielleicht hätte ich das eine oder andere besser machen können, aber im Großen und Ganzen bin ich schon zufrieden.

fussball.news: Zu einem Ihrer Fehler zählt sicher, dass Sie in jungen Jahren auf einen falschen Berater reingefallen sind, oder?

Eckstein: Stimmt. Ich habe mit 24 damals in die Scheiße gegriffen, als ich bei Bauprojekten auf meinen damaligen Berater gehört habe. In der heutigen Zeit gibt es jedenfalls bessere Berater im Vergleich zu dem, den ich damals hatte. Ich würde das heute auf jeden Fall anders machen. Dann wäre das mit dem Crash nicht passiert.

fussball.news: Was für ein Crash?

Eckstein: Ich war ein junger Nationalspieler, als mein Berater mir während einer Autofahrt zwei Briefe vorlegte, die ich schnell unterschreiben sollte. Er sagte damals, dass es zwei super Immobilien sind, die wir kaufen würden, doch es war alles andere als ein gutes Geschäft. Ich erinnere mich, dass er meinte, wir würden die Häuser für das Doppelte verkaufen, doch das Ganze hat mich leider 1,2 Millionen Euro gekostet. Davon waren 700.000 Euro Eigenkapital. Mein Berater hat überall mit kassiert und ich bin auf der Strecke geblieben.


Dieter Eckstein berichtet bei Sandra Maischberger über seinen Finanzcrash


fussball.news: Da fiel es Ihnen sicher schwer noch mal Jemandem zu vertrauen, oder?

Eckstein: Auf jeden Fall. Vorher hatte ich oft alles selber gemacht oder mein damaliger Schwager hatte mich unterstützt und das hat ganz gut funktioniert. Doch dann kamen Klaus Allofs (heutiger Geschäftsführer VfL Wolfsburg, d. Red.) und Rudi Völler (heutiger Sportchef Bayer Leverkusen, d. Red.) auf mich zu und hatten mir diesen Berater empfohlen. Als junger Kerl habe ich natürlich auf die Beiden gehört, dachte mir, wenn zwei Weltklasse-Fußballer so einen Berater haben, kannst du nicht viel falsch machen.

fussball.news: Hat Ihr Verhältnis zu Völler und Allofs darunter gelitten?

Eckstein: Nein. Beide hatten sich dann auch schnell von diesem Mann getrennt, weil auch bei ihnen einiges schief gelaufen ist. Wenn ich die beiden heute bei Benefizveranstaltungen treffe, ist das Verhältnis immer noch sehr gut. So wie damals schon, als wir zusammen in der Nationalmannschaft gespielt haben.

fussball.news: Sie betreiben heute eine Fußballschule. Was machen Sie sonst noch?

Eckstein: Ich bin beim 1. FC Nürnberg in der Fanbetreuung tätig. Das mache ich jetzt schon seit knapp acht Jahren. Beim Club ist das ein richtiges Angestelltenverhältnis. Unter Martin Bader (Ex-Sportvorstand beim FCN, jetzt Hannover 96, d. Red.) habe ich meinen Vertrag zuletzt noch bis 2017 verlängert. Ich fahre ein, zwei Mal pro Woche nach Nürnberg, hole meine Termine ab und fahre meistens an den Wochenenden raus zu den Fanklubs, wenn Jubiläen oder Geburtstagsfeiern anstehen. Das ist eine schöne und lockere Aufgabe. Meine Fußballschule in Waging am See betreibe ich nebenbei mit viel Freude. Und ich bin noch Trainer bei der SpVgg Steinachgrund (Kreisklasse 3 Kreis Nürnberg/Frankenhöhe, d. Red.)


Dieter Eckstein im Interview mit dem Club-Experten-Forum CEF


fussbal.news: Wie kam es eigentlich zu Ihrem Spitznamen „Eckes“?

Eckstein: (lacht) Den Namen hat mir gleich bei meinem ersten Länderspiel Lothar Matthäus verpasst. Wir kannten uns schon aus der Bundesliga und irgendwann hat er „Eckes“ gesagt. Seitdem heiße ich so. Ich glaube, in den vergangenen 30 Jahren sagte nur ein Prozent der Leute Dieter zu mir.

fussball.news: Es hat also nichts mit der Likörmarke Eckes Edelkirsch zu tun?

Eckstein: (lacht laut) Nein. Das Zeug habe ich schon mal probiert, aber das ist mir zu süß.

fussball.news: Sie haben zu Ihrer aktiven Zeit bei drei Traditionsvereinen gespielt: beim 1. FC Nürnberg, bei Eintracht Frankfurt und bei Schalke 04. Wie war die Zeit in diesen emotionalen Klubs?

Eckstein: Es war großartig. 1988 bin ich von Nürnberg nach Frankfurt gewechselt. Mit Jörg Berger haben wir damals gerade noch den Abstieg verhindern können und im Jahr danach hatten wir eine tolle Mannschaft, in der ich einer der Jüngsten war. Damals hießen meine Kollegen Uwe Bein, Andreas Möller, Uli Stein oder der Rekord-Bundesligaspieler Karl-Heinz Körbel. Das war ein absolutes Highlight in meiner Karriere. Schalke muss man einfach erlebt haben. Damals hieß unser Manager Rudi Assauer und meine Mitspieler waren unter anderem Olaf Thon, Mike Büskens und Jens Lehmann. Für mich war das hochemotional, mit solchen Jungs zusammenspielen zu können. Ich war zwar schon etwas reifer, aber die Zeit bei S04 war großartig.

Dieter Eckstein (l.) beim Treffen mit Reporter Reinhard Franke. Foto: RF
Dieter Eckstein (l.) beim Treffen mit Reporter Reinhard Franke. Foto: RF

fussball.news: Und der Club war schon immer etwas ganz Besonderes, oder?

Eckstein: Absolut. Das wird auch ein Leben lang so bleiben. Ich bin von Frankfurt zurück nach Nürnberg, weil es damals schon eine Herzensangelegenheit war. Ich wurde gefragt, ob ich noch mal für den FCN spielen will. Ich musste keine Minute überlegen. In Nürnberg bin ich groß geworden und wurde auch Nationalspieler. Dort hatte ich die schönste Zeit als Fußballer. Die Fans haben mich bis heute nicht vergessen, ich stehe in jedem Buch über den Verein und bin wie Marek Mintal eine absolute Legende. Das werde ich dem Club nie vergessen.

fussball.news: Wie beurteilen Sie Ihre drei Ex-Klubs heute?

Eckstein: Die Eintracht verfolge ich noch sehr extrem, weil dort Rainer Geyer, mein ehemaliger Spieler-Kollege beim Club, der Co-Trainer ist. Es ist gerade keine schöne Situation für Armin Veh, den ich aus meiner Augsburger Zeit noch gut kenne. Ich hoffe natürlich, dass sich die Frankfurter in der Rückrunde zusammenreißen und da unten rauskommen. Es wäre schade, wenn so ein Traditionsverein absteigen müsste. Bei Schalke schaue ich nicht so sehr drauf, weil ich da keinen mehr kenne. Und den Club habe ich sowieso im Blick, schaue auch gerne beim Training zu oder rede auch mit Trainer Rene Weiler. Zudem habe ich noch engen Kontakt zu Rainer Zietsch (Geschäftsführer des Jugend- und Amateurbereichs beim FCN, d. Red.), der eng an der ersten Mannschaft dran ist. Ich würde dem Verein den Aufstieg gönnen, aber eigentlich wäre es zu früh für die Erste Liga.

fussball.news: Wer war Ihr bester Trainer?

Eckstein: Ich hatte einige Trainer, aber als ich in Nürnberg anfing, war Heinz Höher für mich als junger Hüpfer einer der besten Trainer, die ich beim Club hatte. Jörg Berger und Willi Entenmann waren auch sehr gute Trainer, aber Höher hat mir am meisten gegeben.

fussball.news: Und mit wem konnten Sie gar nicht?

Eckstein: Pal Csernai (starb 2013, d. Red.). Als ich nach Frankfurt kam, hatte ich mir mehr von ihm erwartet, weil er mit Bayern München zwei Meisterschaften gewonnen hatte. Von ihm war ich schon enttäuscht. Man soll nicht nachtreten, aber er ging gar nicht, ist dann auch entlassen worden, sonst wären wir abgestiegen.


Statistik: Rekord-Torjäger 1. FC Nürnberg in der Bundesliga (Quelle: transfermarkt.de / Grafik: fussball.news)


fussball.news: Ihre Episode bei West Ham United war sehr unglücklich. Erzählen Sie mal.

Eckstein: Ich habe am ersten Abend, ein Testspiel gegen Liverpool gemacht. In dem Spiel hatte ich mich an der Ferse verletzt. Das hat sich entzündet und ich kam nicht mehr auf die Beine. Keiner konnte mir helfen und ich habe das acht Wochen mit mir rumgeschleppt, so dass ich nicht trainieren konnte. Die Laufeinheiten habe ich barfuß absolviert, weil ich in keinen Schuh mehr reinpasste. Erst Dr. Müller-Wohlfahrt hat meine Karriere gerettet. Ich hätte fast Knochenfraß gehabt. Ich bin nicht mehr zu Westham zurück.

fussball.news: Heute ist mit Slaven Bilic ein Kulttrainer bei West Ham. Verfolgen Sie Ihren Ex-Klub noch?

Eckstein: Natürlich. Ich bin ein großer Fan der Premier League und verfolge das ganz genau. Zwischendurch war West Ham abgestiegen, aber jetzt spielt man eine gute Rolle in der Liga. Gerade durch Jürgen Klopp ist mein Interesse an der englischen Liga größer geworden.

fussball.news: Warum wurden es nur sieben Einsätze in der Nationalmannschaft?

Eckstein: Das frage ich mich auch. Es war eine schöne Zeit und du musst erst mal auf sieben Länderspiele kommen. Natürlich hätten es mehr Einsätze sein können, aber ich hatte mit Jürgen Klinsmann, Klaus Allofs und Rudi Völler Weltklassestürmer vor mir. Dazu kam noch Frank Mill. Auf die hat Franz Beckenbauer gesetzt. Da bin ich mit 24 einfach nicht vorbei gekommen. Das ein oder andere Länderspiel war aber auch verschlampt von mir, aber ich hatte schon ein paar Brocken vor der Brust.

GERMANY - JUNE 21: NATIONALMANNSCHAFT DEUTSCHLAND 1988; hintere Reihe v.l.n.r.: Wolfgang ROLFF, Rudi VOELLER, Dieter ECKSTEIN, Hans PFLUEGLER, Uli BOROWKA, Juergen KLINSMANN, Gunnar SAUER, Thomas BERTHOLD; mittlere Reihe v.l.n.r.: CO-TRAINER Berti VOGTS, TORWART-TRAINER Sepp MAIER, Frank MILL, Juergen KOHLER, Guido BUCHWALD, Lothar MATTHAEUS, CO-TRAINER Holger OSIECK, TEAMCHEF Franz BECKENBAUER; vordere Reihe v.l.n.r.: Pierre LITTBARSKI, Mathias HERGET, Olaf THON, TORWART Eike IMMEL, TORWART Bodo ILLGNER, Hans DORFNER, Wolfram WUTTKE, Andreas BREHME/TEAM GER (Photo by Bongarts/Getty Images)
Teamfoto der deutschen Nationalmannschaft im Juni 1988. Mit dabei: Dieter Eckstein (Ausschnitt hintere Reihe v.l.n.r.: Wolfgang Rolff, Rudi Völler und Dieter ECKSTEIN. Foto: Bongarts / Getty Images

fussball.news: Warum hat es als Trainer nur bei unterklassigen Vereinen geklappt?

Eckstein: Da muss ich gleich mein Veto einlegen. Bei dem einen oder anderen Klub habe ich schon Trainer-Erfolge gefeiert. Mit Dürrwangen und Erzberg-Wörnitz bin ich jeweils zwei Mal aufgestiegen und hatte auch Angebote aus der Landesliga und der Bayernliga. Für mich ist es geil, wenn du 18, 19-Jährige trainieren kannst, die noch zu dir hochschauen und denen du noch etwas beibringen kannst.

fussball.news: Privat mussten Sie einige Schicksalsschläge hinnehmen. Ihre Eltern starben, als Sie noch ein kleiner Junge waren, Ihr eigenes Kind starb am plötzlichen Kindstod. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Eckstein: Mit 14 kam ich in eine Pflegefamilie, die mich ganz behutsam aufgebaut und auch vom  Kopf her auf den richtigen Weg gebracht hat. Ich war immer ein schwieriger Typ, aber dank dieser Familie habe ich meinen Schulabschluss und meine Ausbildung fertig gemacht. Ohne die hätte ich das nicht geschafft. Diese Schicksalsschläge sind leider passiert. Es wäre komisch, wenn es im Leben immer nur geradeaus geht. Es gibt Menschen, für die läuft es nur rund, aber du musst auch Kurven im Leben haben und die hatte ich. Ab und zu habe ich die Linie wieder gerade gezogen und kann heute zufrieden sein. Man darf nicht zu viel jammern. Ich bin frisch verheiratet und es geht mir gut.

Das nächste Interview am Morgen folgt voraussichtlich am Mittwoch.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht in der Regel von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

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