Ex-Abwehrchef Andersson: „Süle packt es bei Bayern“

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München – Der FC Bayern hat in seinem Museum („Erlebniswelt“ / Allianz Arena; Anm. d. Red.) eine Sonderausstellung präsentiert, die bis März 2018 zu sehen ist. In „MOMENTE. Einmal erlebt. Nie vergessen“ geht es vor allem um besondere Spiele in der Vereinshistorie des FC Bayern, die den Klub geprägt haben. Dazu produzierten die Münchner auch einen emotionalen Film, in dem neben Spielszenen wie aus dem Finale des Europapokals der Pokalsieger 1967 auch zahlreiche Beteiligte zu Wort kommen und einige Geheimnisse verraten.

Bei der Vorstellung – unter anderem mit den Spieler-Legenden Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, Sepp Maier, Franz „Bulle“ Roth, Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, Klaus Augenthaler und Jean-Marie Pfaff war auch fussball.news zu Gast. fussball.news sprach dabei im Anschluss an die Präsentation mit Patrik Andersson, jenem legendären Abwehrchef, der 2001 Bayern München zur Last-Minute-Meisterschaft führte.

Andersson zählt zu Bayerns Champions-League-Helden

Im Champions-League-Finale 2001 geriet Bayern München gegen den FC Valencia mit 0:1 in Rückstand. Patrik Andersson beging dabei ein Handspiel im Strafraum, so meinte es jedenfalls Schiedsrichter Dick Jol. Doch Andersson beging gar kein Handspiel, wie er auf Nachfrage von fussball.news nun versicherte: „Ich habe mich in den Schuss von Mendieta geworfen, den Ball mit dem Körper geblockt, aber ich habe kein Handspiel begangen“, so Andersson. Er sei aber so auf das Spiel fokussiert gewesen, da habe er zunächst gar nicht die Entscheidung des Schiedsrichters realisieren können – eine Beschwerde von ihm selbst blieb aus. Den Münchnern wäre demnach das dramatische Elfmeterschießen gegen die Spanier wohl erspart geblieben, hätte es die Fehlentscheidung von Jol nicht gegeben. Andersson, eigentlich ein sicherer Schütze vom Punkt, sollte dabei seinen Penalty, ebenso wie Paulo Sergio, verschießen – dafür rettete Torwart Oliver Kahn mit seinen Paraden den Bayern den Champions-League-Titel.

Warum Andersson gegen den HSV getroffen hat

Dass die Münchner mit unbändigem Willen sich den Cup nach 25 Jahren wieder sicherten, das hatte wohl auch mit einem historischen Ereignis vier Tage zuvor zu tun. Schalke 04 sah sich praktisch schon als Deutscher Meister, da trat Patrik Andersson für Bayern München zu einem indirekten Freistoß aus neun Metern halblinker Position beim Gastspiel in Hamburg an. Andersson knallte den Ball flach ins linke Toreck – die Last-Second-Bayern sicherten sich mit dem 1:1 noch die Meisterschaft – es war der wohl unglaublichste Finaltag in der Geschichte der Bundesliga – und Andersson war der strahlende Held. „Mir sind vor dem Schuss Tausend Gedanken durch den Kopf gegangen“, so Andersson – am Ende war er einfach nur glücklich, das Tor erzielt zu haben. Eigentlich wollte der technisch versierte Mehmet Scholl den Freistoß schießen, auch Torwart Oliver Kahn rannte mit vor und sagte zu Kapitän Stefan Effenberg, er wolle den Freistoß ausführen. Doch Effenberg wählte Andersson als Schützen aus, galt der Schwede doch als der Spieler mit dem härtesten Schuss im Team – eine im Nachhinein überragende Entscheidung aus Münchner Sicht.

Was für Andersson mehr Bedeutung hat

Hat nun für Andersson der Treffer in Hamburg mehr Bedeutung, inklusive Meister-Titel – oder der Gewinn der Champions League? Auf Nachfrage von fussball.news gab Andersson eine klare Antwort: „Du musst eine lange Reise auf dich nehmen, bist du die Champions League gewinnst. Du misst dich mit den besten Teams in Europa – der Champions-League-Titel hat daher für mich die größere Bedeutung“, sagte der 45-Jährige.

1993 wechselte er in die Bundesliga

Andersson startete seine Profi-Karriere bei Malmö FF, 1992 ging es für den Abwehrspieler zu den Blackburn Rovers, 1993 unterzeichnete er einen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach. Sechs Jahre sollter der Schwede für die Fohlenelf spielen, bevor er 1999 zum FC Bayern wechselte und die erfolgreichste Zeit seiner Karriere erlebte, auch wenn er ab 2001 noch drei Jahre für den FC Barcelona spielte, bevor es nach Malmö zurückging.

Lob für die Nachfolger

Heute ist Andersson Funktionär, Fußball-Experte und Geschäftsmann zugleich. Das Geschehen in der Bundesliga beobachtet er genau. Über seine Nachfolger beim FC Bayern in der Abwehr ist er begeistert. Mats Hummels und Jerome Boateng zählten zu den besten Verteidigern der Welt, so Andersson. Und auch Zugang Niklas Süle habe eine große Zukunft vor sich. „Ich bin überzeugt, dass Niklas Süle es beim FC Bayern packt“, betonte Andersson gegenüber fussball.news. „Er ist ein Riese und bringt sehr große Qualität mit“, ergänzte Andersson. Wichtig sei es aber, dass Süle bereits im Training immer Höchstleistung abliefere, um sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und sich dem Trainer für Einsatzzeiten aufzudrängen. Dadurch, dass der FC Bayern ohnehin viele Spiele absolvieren werde, sei es auch wichtig, in der Breite des Kaders gut aufgestellt zu sein.

Tor-gefährliche Verteidiger werden gesucht

Ein Grund, warum FC-Bayern-Trainer Carlo Ancelotti den Transfer von Niklas Süle begrüßt, ist die große Torgefahr, die vom Verteidiger ausgeht. Auch Andersson galt einst als Verteidiger mit großem Offensivgeist und als Standardspezialist. In insgesamt 212 Bundesliga-Partien glückten ihm elf Tore. Zum Vergleich: Jerome Boateng kommt in 222 Partien nur auf drei Treffer. Dass den heutigen Top-Verteidigern, mit Ausnahme von Sergio Ramos von Real Madrid, eher sehr selten (wichtige) Tore glücken, sieht Andersson als normale Entwicklung an. „Für Innenverteidiger ist es einfach sehr schwer geworden, Tore zu erzielen“, sagte der WM-Dritte von 1994. Im modernen Fußball habe der Verteidiger noch mehr Aufgaben im Spielaufbau zu übernehmen, er müsse sich taktisch noch strikter an Vorgaben halten und die gegnerische Mannschaft lasse den mit vorlaufenden Verteidigern etwa bei Standards nicht mehr so viel Freiraum wie früher, so seine zusammengefasste Einschätzung.

Rückkehr in die Bundesliga möglich?

Will denn Andersson selbst mal als Manager oder Funktionär in der Bundesliga arbeiten? Auf Frage von fussball.news zeigte sich Andersson nicht abgeneigt. „Ich habe zwölf Jahre in europäischen Top-Ligen gespielt, rund acht Jahre in der Bundesliga. Ich bin zwar nun schon eine Zeit lang weg aus Deutschland, aber ich verfolge das Geschehen in der Bundesliga noch intensiv. Man soll niemals nie sagen. Wenn eine Anfrage kommen würde, würde ich sie mir in jedem Fall anhören“, versicherte Andersson.

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