Fitness-Experte Mohr: Was Guardiola, Tuchel und die Bundesliga-Klubs von Barcelona lernen können

München – Thomas Mohr hat sich in den vergangenen Monaten öffentlich Gehör verschafft und zahlreiche Bundesliga-Klubs für ihre Trainingssteuerung kritisiert. Der Kern seiner Aussage: Weil in diesem Bereich noch relativ viel schief läuft, resultiert daraus eine sehr hohe Quote an schwer verletzten Stars.

Thomas Mohr, dessen Homebase Tunesien ist, hat in zahlreichen Ländern bereits gearbeitet, darunter auch in China. Foto: Thomas Mohr/fussball.news

Große Erfahrung als Fitness-Trainer

Mohr bringt seit über 20 Jahren Erfahrung als Fitness-Experte und Athletiktrainer mit. Zuvor war er selbst ein aufstrebendes Fußballtalent in Frankfurt. Seine Daten-Sammlung kann durchaus mit den großen Firmen mithalten – und Mohr ist auch in der Praxis sehr nah am Geschehen. Von Frankreich über die Türkei bis China und Tunesien hat er schon zahlreiche Vereine mitbetreut. Er kann belegen, dass die Verletzungsrate bei seinen Teams meist relativ gering war – und er berät laut eigenen Angaben fast 50 Bundesliga-Profis in Sachen Fitness, Ernährung und Gesundheit. Zudem ist er eng mit Ärzten und Physiotherapeuten aus der Bundesliga vernetzt und kennt die Arbeitsweise der internationalen Top-Klubs. Bei fussball.news geht er im Interview ausführlich auf Schwächen von Perfektionisten-Trainern wie Pep Guardiola und Thomas Tuchel ein, er erneuert seine Kritik an der Trainingssteuerung in der Bundesliga und wiederholt die Frage, warum deutsche Klubs in Sachen Fitness und Gesundheit der Spieler dermaßen hinterhinken im Vergleich zum Beispiel zum FC Barcelona.

fussball.news: Herr Mohr, Sie haben bereits mehrfach Kritik an der Trainingssteuerung in den Bundesliga-Klubs geäußert. Sie konnten Ihre Kritik mit Fakten stützen und machen zahlreiche Klubs für die Vielzahl an verletzten Spielern mitverantwortlich. Hat sich Ihrer Kenntnis nach seit Ihrem ausführlichen Interview in der Bild-Zeitung in der Bundesliga etwas zum Positiven verändert?

Thomas Mohr: Die Kritik ist in der Bundesliga angekommen, auch wenn sich noch nicht viel verbessert hat. Ich hoffe aber sehr, dass sich deutlich etwas verändert. Es geht um die Gesundheit der Spieler. In der Öffentlichkeit haben einige Trainer und Funktionäre meine Aussagen abgewertet. Ich weiß aber, dass mindestens ein Bundesliga-Klub kurz nach meinem Interview eine interne Sitzung einberufen hat, in der auch die falsche Trainingssteuerung zum Thema gemacht wurde.

fussball.news: Können Sie denn auch positive Beispiele aus der Bundesliga – was die Trainingssteuerung betrifft – nennen?

Mohr: Sicher. Es gibt Hoffenheim und Leipzig – beide Klubs arbeiten sehr modern in diesem Bereich. Werder Bremen hat nun einen sehr guten Konditionstrainer installiert. Manchmal ist es einfach nur ein Problem an einer Stelle: In der Bundesliga ist oftmals der Trainer das Problem.

fussball.news: Sie haben die Top-Klubs Bayern München und Borussia Dortmund besonders scharf kritisiert. Vor allem machten Sie die Ex-Trainer Pep Guardiola und Thomas Tuchel für die jeweilige Verletzten-Misere deutlich mitverantwortlich. Können Sie Ihre Argumente ausführen?

Pep Guardiola (l.) und Thomas Tuchel (r.) sind Meister im Taktieren – aber wie steht es um die Trainingsarbeit und die zahlreichen verletzten Spieler in ihren Amtszeiten in München und Dortmund? Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

Mohr: Borussia Dortmund zum Beispiel wendet das gleiche moderne System wie Hoffenheim an – nur wenn der Trainer zum Großteil Anmerkungen der Spieler und Erkenntnisse des medizinischen Betreuerstabs nicht in seine Gedankenwelt einfließen lässt, dann gibt es Probleme. Dass Borussia Dortmund Thomas Tuchel entlassen hat, ist meinen Informationen nach auch unter anderem dem Grund geschuldet, dass er Auswertungen des medizinischen Staffs und die Meinung einiger Spieler dazu größtenteils ignoriert hat.

Das Problem von Pep Guardiola und Thomas Tuchel ist, dass sie Perfektionisten sind. Sie wollen verschiedene Spielkombinationen bis zum Exzess trainieren: Flanken, Rücken hinterlaufen, Torschuss, Abschluss, Sprint, Pressing – es wird trainiert bis zum Abwinken.

Guardiola und Tuchel lassen ihre Profis trainieren, bis eine Übung nahezu perfekt läuft. Aber das ist der entscheidende Punkt: Oftmals sind es nur diese fünf oder zehn Minuten zu viel bei einer Einheit, die dann zu Verletzungen bei den Spielern führen. Es ist ein klassischer Fall von Überpacen.

Bei Bayern München ist die Verletzungsrate nun deutlich reduziert worden, seitdem Carlo Ancelotti der Trainer ist. Neben seiner Erfahrung gab es dabei noch einen wesentlichen Grund, der mir zu Ohren gekommen ist: Einige Spieler sollen Ancelotti gebeten haben, dass sein mitgebrachter Konditionstrainer, genannt der Peitscher (lacht), die Profis nicht zu hart anpackt. Er hatte wohl zu Beginn mit dem Training überdreht. Ancelotti hat dann seinen Konditionstrainer quasi wegbefördert und das richtige Maß offenbar gefunden.

fussball.news: Sympathisanten von Pep Guardiola halten dagegen und sagen, dass er in seiner Zeit beim FC Barcelona kaum verletzte Spieler und auch eine hochklassige medizinische Abteilung zur Verfügung hatte.

Mohr: Es ist merkwürdig, dass Guardiola bei Bayern München sich ganz anders verhalten hat. Besser gesagt: In Barcelona gibt es einfach klare Vorgaben von der medizinischen Abteilung und den Athletiktrainern. Auch ein Trainer wie Pep Guardiola durfte nichts am System verändern.

Das System bei Barca in Sachen Trainingssteuerung existiert seit 15 Jahren. Es hat im Wesentlichen ein Konditionstrainer ausgearbeitet – und es gilt ab der U-16-Auswahl bis hoch zu den Profis. Die Zahlen sprechen für Barcelona: Sie haben seit Jahren im Schnitt ein Drittel weniger verletzte Spieler im Vergleich zu Bayern München – obwohl die Barcelona-Profis öfters sprinten in einem Spiel, öfter gefoult werden – und auch noch mehr Partien in der Saison bestreiten. Das System gibt einfach klar vor, welcher Profi wie lange spielen kann – und darf.

fussball.news: Derzeit hat man den Eindruck, dass die deutsche Nationalmannschaft, überspitzt formuliert, fast nur aus chronisch verletzten Profis besteht. Man denke nur an Marco Reus oder Jerome Boateng. Abgesehen vom Training in den Klubs – glauben Sie, dass auch noch andere Faktoren die Spieler heutzutage sehr belasten? Und wie kann man dem entgegensteuern?

Mohr: Der Fußball ist schneller und athletischer geworden und auch der Druck und die psychische Belastung auf die Profis hat zugenommen, das ist keine Frage. Ich denke dennoch, dass es einfach noch viele Möglichkeiten gibt, den Fußball zu professionalisieren, damit die Profis dauerhaft fit und gesund bleiben.

Ich nenne einfach mal die Personalpolitik der Klubs im Bereich Fitnesstrainer und die Ernährung der Profis als zwei Punkte mit großem Optimierungspotenzial.

Zahlreiche Bundesliga-Klubs stellen junge Akademiker von der Sporthochschule Köln ein. Alle haben ein Diplom, meist als Sportwissenschaftler, viele von ihnen haben aber nie als Profis gespielt oder im Fußball gearbeitet und ihre Erfahrungen gesammelt. Daraus resultieren zum Beispiel völlig falsche Trainingsübungen. Es gibt beispielsweise den Trend, Crossfit-Übungen ins Training einzubauen. Ohne zu fachlich zu werden: Crossfit-Übungen oder auch Core-Training bewirken bei Bundesliga-Profis meist Nachteile. Das Training, das angeblich präventiv sein soll, nutzt nichts, wenn man es völlig überzieht oder übertrieben ausführt – oder es nur sporadisch einfließen lässt. Dieser Fehler wiederum resultiert meist aus mangelnder Erfahrung und Klassifikation – die Profis müssen es ausbaden. Es fehlt in Deutschland zumeist das fußballsportspezifische Training. Da kann ich nur einen Blick hinüber zu Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona empfehlen.

fussball.news: Und wo hapert es in Sachen Ernährung?

Mohr: Im Bereich Ernährung glauben viele Experten immer noch, dass zum Beispiel Milch und Müsli gesund sind. Manche Profis, darunter sollen auch Nationalspieler sein, trinken öfter mal Cola, essen Croissants, leckere Pizza und schmieren sich Nutella aufs Brot. Das halte ich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen für nicht sonderlich gut. Ich sehe hier großen Nachholbedarf in der Bundesliga. Man findet keinen Top-Leichtathleten, der sich so fahrlässig ernährt wie ein Fußballspieler.

Thomas Mohr arbeitete in der Türkei auch mit Jürgen Röber zusammen, der früher für den FC Bayern spielte und Hertha BSC coachte. Foto: Thomas Mohr/fussball.news

fussball.news: Sie haben mit Ihrer Kritik an der Bundesliga viel Gegenwind erhalten. Ihre Argumente wurden auch damit abgetan, dass Sie eben nur Außenstehender sind und nahezu keine Ahnung von internen Abläufen haben. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Mohr: Ich habe vor 17 Jahren mein Fitnesstsudio und mein Haus in Frankfurt verkauft und bin nach Tunesien ausgewandert, nicht nur wegen des schönen Wetters und der hohen Lebensqualität, sondern auch aus familiären Gründen. Ich fühle mich in Tunesien also sehr wohl.

Dennoch bin ich bestens über die Bundesliga informiert. Ich arbeite mit Physiotherapeuten und Ärzten zusammen, die in der Bundesliga tätig sind. Zudem berate ich 48 Spieler in der Bundesliga – da weiß man ehrlich gesagt sehr viel über interne Abläufe in den Klubs – und wo sich die Schwachstellen befinden.

fussball.news: Ein weiterer Vorwurf an Sie lautet, dass Sie einfach selbst einen Job in der Bundesliga haben wollen. Besteht denn wirklich Interesse bei Ihnen, wieder in Deutschland Fuß zu fassen?

Mohr: Natürlich bin ich grundsätzlich nicht abgeneigt, direkt in der Bundesliga zu arbeiten. Ich habe aber schon mehrfach Angebote aus der Bundesliga abgelehnt. Dazu zählen zwei Gründe:

Im echten Profisport geben medizinische Abteilungen sowie Athletik- und Konditionstrainer gemeinschaftlich mit dem Trainer vor, wie lange ein Profi trainieren und spielen kann, damit es gesundheitlich vertretbar ist. In der Bundesliga wollen die Cheftrainer aber meist alles selber bestimmen – und machen vieles aus dem Bauch heraus verkehrt. Der Witz ist dann noch: Die Trainer schieben die Schuld für verletzte Spieler meist trotzdem ihrem Staff zu – oder hadern mit dem ‚Verletzungspech‘. Was ich nach 30 Jahren Arbeit sagen kann: Verletzungspech gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht. Es hat etwas mit dem Maß an Professionalität in einem Verein zu tun.

Und hier wäre ich bei einem weiteren Punkt: In Tunesien werden einige Konditionstrainer besser bezahlt als bei Bundesliga-Topklubs. Als ich 2008 in Ungarn gearbeitet habe, habe ich damals mehr verdient, als die Konditionstrainer bei Bayern München oder Borussia Dortmund. Es gibt in der Bundesliga weder auf der Arbeitsebene noch auf der finanziellen Ebene eine angemessene Wertschätzung für denjenigen Experten, der eigentlich hauptverantwortlich dafür sein soll, dass die Spieler fit und gesund bleiben.

fussball.news: Müssen die Bundesliga-Klubs quasi auch auf dieser Position Top-Stars verpflichten?

Absolut. Zu den besten Athletik- und Konditionstrainern der Welt zählt Raymond Verhajen. Er hat bereits für Barcelona und Chelsea gearbeitet. Kein Bundesliga-Klub kommt auf die Idee, ihn zu verpflichten, obwohl sie sich mit den besten Teams messen wollen. Aber Verhajen bräuchte natürlich auch ein finanziell wertschätzendes Angebot. Dazu ist in Deutschland keiner bereit derzeit. Man will in der Bundesliga lieber an vermeintlich bewährten Methoden festhalten, obwohl viele statistische Fakten klar aufzeigen, dass die deutschen Klubs im Fitness- und Gesundheitsbereich nicht auf internationalem Top-Niveau arbeiten.

fussball.news ist Partner von Mein Sportradio