HSV-Boss Beiersdorfer: „Allein in der Kneipe war nicht so schön“

München – Seit 9. Juli 2014 ist Dietmar Beiersdorfer Vorstandsvorsitzender beim Hamburger SV. In diesen eineinhalb Jahren erlebte er Höhen und Tiefen.

Hamburg's CEO Dietmar Beiersdorfer attends the Telekom Cup final football match FC Bayern Munich vs Wolfsburg in the norhtern German city of Hamburg on July 27, 2014. AFP PHOTO / CARMEN JASPERSEN (Photo credit should read CARMEN JASPERSEN/AFP/Getty Images)
Dietmar Beiersdorfer hat bewegte Zeiten hinter sich. Foto: CARMEN JASPERSEN / AFP / Getty Images

„Demut ein Führungsprinzip“

In einem Interview mit chrismon sprach der 52-Jährige nun zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Siegfried Eckert vor allem über das Thema Demut. „Das ist ein Führungsprinzip. Ich möchte nach außen wie nach innen in den Club hinein derjenige sein, der geerdet ist, der sich zurücknimmt, der versucht, allen mit Toleranz zu begegnen. Ich verstehe unter Demut, jeden Menschen so zu achten und so zu behandeln, wie ich auch gern behandelt werden möchte“, sagte Beiersdorfer.

Kritik an DFB-Team

Gerade im Profi-Fußball sei dies nicht immer einfach. Bestes Beispiel sei das DFB-Team bei der Weltmeisterschaft 2014 gewesen. „Das Besondere war der Gegensatz. Diese Haltung nach dem 7:1-Sieg: Lasst uns am Boden bleiben, den Gastgeber nicht demütigen. Das war das eine. Aber auf der Berliner Fanmeile sang man dann „So gehen die Gauchos“ und machte sich lustig über die Argentinier, den Finalgegner. Die Euphorie hat einige schnell wieder hochmütig werden lassen – ein paar Tage nach der Empfehlung, demütig zu sein“, kritisierte Eckert. Beiersdorfer nahm aber zumindest den Bundestrainer in Schutz. „Ich glaube, dass Jogi Löw Demut in sich hat. Seine Haltung war richtig, und es tut uns als Fußballnation gut, wenn Demut gelebt wird. Daran orientieren sich viele“, fügte der gebürtige Franke an.

„Guck, mit wem Du dich umgibst“

Demütig zu sein, ist aber auch nicht immer leicht, gerade wenn man als junger Fußball-Profi früh große Erfolge feiert. „Wenn ein Spieler auf dem Rasen steht, und 60 000 Fans rufen seinen Namen – dafür ist unsere Psyche doch  gar nicht ausgestattet. Das Risiko, hochmütig zu werden, ist durchaus gegeben“, stellte Eckert fest. Beiersdorfer gab einen guten Rat für junge Spieler: „Guck drauf, mit wem du dich umgibst und wer die Leute sind, zu denen du wirklich aufschauen kannst.“

Auch er selbst sei einst hochmütig gewesen, wie Beiersdorfer berichtete: „Natürlich hatte auch ich meine Phase, in der ich dachte, ich sei besonders. Einmal stand in der Zeitung ein Zitat von mir: ‚Ich habe alle Höhen und Tiefen erlebt‘. Und dann sagte mein damaliger Trainer Ernst Happel vor der Mannschaft beim Warmmachen zu mir: ‚Zauberer, was hab ich da in der Zeitung gelesen von dir? Du hast alle Höhen und Tiefen erlebt? Du hast gar nix erlebt mit deinen 22 Jahren!‘ Er hatte recht.“

Trennung als schlimmstes Erlebnis

Der Vorstandsvorsitzende des HSV weiß, dass nun auch auf ihn noch viel Arbeit wartet. „Jeder, der sich mit Fußball befasst, weiß, dass der HSV einen weiten Weg vor sich hat, raus aus einer Zerrüttung, ­einer Art Sinn- oder Identitätskrise – neben normalen Symp­tomen wie Enttäuschungen oder Abstiegskampf. Das führt manchmal dazu, dass ich mir viel auflade. Wenn ich das schaffe, macht es mich glücklich. Aber es fordert mir viel ab. Und diesen Respekt jedem gegenüber – den schaffe ich dann auch nicht immer“, bekannte der 52-Jährige.

Als seine schlimmste persönliche Zeit  betrachtete er die Trennung von seiner ersten Frau vor 15 Jahren. “ Das war ein großer Einschlag in meinem Leben. So, wie ich erzogen wurde, im eher konservativen und wertebewussten Franken, ging das ja gar nicht. Kulturell. Moralisch. Weniger von außen, in mir fühlte es sich an wie ein Stigma. Ich habe dann erst allein gewohnt in einer kleinen Wohnung, später in einer Wohngemeinschaft. Ich bin oft zu den Buddhisten gegangen, habe zugehört, wie behutsam und respektvoll die gesprochen haben. Und wenn man Heiligabend allein in der Kneipe sitzt, ist das nicht so lustig“, so Beiersdorfer.

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