Janßen: „Beim FC ist es spürbar anders“

München – Olaf Janßen kennt am Geißbockheim fast jeden Grashalm. Der 49 Jahre alte ehemalige Mittelfeldspieler des 1. FC Köln wohnt nur wenige Gehminuten vom Trainingsgelände des Klubs entfernt.  Der gebürtige Krefelder spielte die längste Zeit seiner aktiven Karriere für den FC – zwischen 1985 und 1996 erzielte er in 209 Bundesliga-Spielen 16 Tore.

Nach seiner aktiven Zeit wurde Janßen Trainer. Zur Saison  2003/04 erhielt er bei 1860 München eine Anstellung als Assistent seines ehemaligen Kölner Mannschaftskollegen Falko Götz. 2005/2006 war Janßen Sportdirektor und Interims-Coach bei Rot-Weiß Essen, 2008 bis 2013 arbeitete er als Co-Trainer von Berti Vogts bei der Nationalmannschaft von Aserbaidschan und in der Spielzeit 2013/2014 trainierte er den damaligen Zweitligisten Dynamo Dresden. Aktuell ist Janßen ohne Job. Doch die Lust auf Fußball ist bei ihm ungebrochen. 

Im Interview mit fussball.news spricht Janßen über den neuen 1. FC Köln, Trainer Peter Stöger, Manager Jörg Schmadtke, den Traum von Europa und über seine eigene Zukunft.

DRESDEN, GERMANY - APRIL 14: Head coach Olaf Janssen of Dresden looks on prior to the Second Bundesliga match between SG Dynamo Dresden and TSV 1860 Muenchen at Gluecksgas-Stadion on April 14, 2014 in Dresden, Germany. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)
Olaf Janßen spielte mit dem 1. FC Köln im UEFA-Cup 1985/86 die Final-Partien gegen Real Madrid. Nach einem 1:5 in Madrid folgte ein 2:0-Sieg in Köln, der Titel ging jedoch an die Madrilenen. Foto: Matthias Kern / Bongarts / Getty Images

fussball.news: Herr Janßen, Sie spielten elf Jahre für den 1. FC Köln und zählten lange zu den Leistungsträgern. Haben Sie die „Geißböcke“ noch im Blick?

Olaf Janßen: Ja, sehr sogar. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen wohne ich in der Stadt, was es natürlich wesentlich leichter macht. Zum anderen habe ich aus beruflichen Gründen in der Hinrunde jedes Wochenende die 1. Liga gesehen, analysiert und deshalb den FC sehr gut im Blick. Wenn man außerdem für diesen Verein elf Jahre gespielt hat, kann man gar nicht anders, als genau hin zu schauen.

fussball.news: Wie fällt Ihre Hinrunden-Bilanz für den FC aus?

Janßen: Die Hinrunde war sehr stabil. Vor der Saison hatte ich bei optimalem Verlauf einen einstelligen Tabellenplatz sieben bis neun prognostiziert. Damit lag ich nicht ganz falsch. Ich hatte im Sommer das Problem angesprochen, dass es zu wenige Spieler im Kader gibt, die torgefährlich sind und dass sehr viel von Anthony Modeste (FC-Stürmer, d. Red.) abhängt. Das Problem hat sich bei ihm ins Positive gedreht, er hat in weiten Teilen der Saison überzeugt. Andere Spieler leider nicht.

Mit den Siegen gegen Hamburg, Schalke, Leverkusen, Mönchengladbach und Dortmund hat die Mannschaft gezeigt, zu was sie im Stande ist. Gegen Augsburg, Darmstadt, Hoffenheim, Hannover oder Ingolstadt wurde aber auch deutlich, dass sie immer am Limit spielen muss, um Siege einzufahren. Insgesamt hat es Trainer Peter Stöger aber hinbekommen, dass das Team nie in ein wirkliches Loch fiel.


Höhepunkte Juventus Turin – 1. FC Köln im Halbfinal-Hinspiel des UEFA-Cups 1990


fussball.news: Sie spielten zu einer glorreichen Zeit mit dem FC im Europapokal. Allerdings erlebten Sie auch den Absturz des Klubs, von dem man sich erst jetzt langsam zu erholen scheint. Wie sehen Sie die Entwicklung des FC in den letzten Jahren?

Janßen: Als der 1.FC Köln 1997 abgestiegen ist, war es der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Es war die Zeit, als sich die Geldtöpfe im internationalen Fußball plötzlich vervielfacht haben. Aber da war der FC nicht dabei und mit der Vergangenheit alleine war dieser wirtschaftliche Super-GAU nicht zu kompensieren.

Es folgten viele Jahre, in denen man versucht hat, wieder ran zu kommen, aber es aus vielerlei Gründen nicht geschafft hat. Die Schere zwischen Arm und Reich wurde immer größer und der FC wurde Stück für Stück nach hinten durchgereicht. Erst durch die Neustrukturierung und die Personalien Jörg Schmadtke (FC-Sportdirektor, d. Red.) und Stöger hat es der 1. FC Köln geschafft wieder ein fester Bestandteil der 1. Liga zu werden.

fussball.news: Nun träumt man in Köln nach über 20 Jahren wieder vom Europapokal. Ist der Verein reif dafür?

Janßen: Träumen ist genau die richtige Bezeichnung. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn man beim 1. FC Köln den Mut dazu hat. Aber realistisch ist das zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Um dieses Ziel vor einer Saison beim 1. FC Köln ausgeben zu können, müssen noch viele Schritte folgen und richtige Entscheidungen getroffen werden. Das ist noch ein langer und steiniger Weg. Aber jeder Weg und sei er noch so lang, fängt mit den ersten Schritten an und die hat man gemacht. Schmadtke und Stöger leben diese Bodenständigkeit und den realistischen Blick vor.


Erfolge von Olaf Janßen mit dem 1. FC Köln:

  • Erreichen der UEFA-Cup-Finale-Spiele 1986 gegen Real Madrid
  • Deutscher Vize-Meister 1989 und 1990
  • Erreichen des DFB-Pokal-Finals 1991 (3:4 i.E. gegen Werder Bremen)
  • Insgesamt in fünf Saisons mit Köln im Europacup vertreten

fusssball.news: Es gibt keine Unruhe mehr beim FC. Ist die neue Seriosität nicht beängstigend?

Janßen: Warum beängstigend? Es arbeiten Menschen in den führenden Positionen des Klubs, die die Vergangenheit analysiert haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass weniger manchmal mehr ist. Man besinnt sich auf harte Arbeit, achtet auf Details, nimmt den Mund nicht so voll, dreht im Siegesfall nicht durch und zerbricht auch nicht an einer Niederlage. Das ist nichts beängstigendes, sondern spricht für einen klaren Durchblick.

fussball.news: Das neue Motto im Verein heißt „Spürbar anders“. Passt irgendwie, oder?

Janßen: Absolut. Wenn man den 1. FC Köln in den letzten Jahrzehnten beobachtet hat und sieht, wie sich alles positiv verändert hat, kann man wirklich nur feststellen, dass es spürbar anders ist. Dass die FC-Fans diesen Weg so bedingungslos mitgehen, sich davon inspirieren und begeistern lassen, zeigt, dass auch gravierenden Veränderungen im schnelllebigen Bundesliga-Geschäft machbar sind.

Nämlich dann, wenn die richtigen Menschen am Werk sind und wenn diesen ein gewisses Maß an Zeit eingeräumt wird, den neuen Weg auch umzusetzen. Es kann nicht immer nur bergauf gehen. Beim Durchschreiten von Tälern sind die Kölner oft gescheitert. Dies scheint überwunden.

COLOGNE, GERMANY - MARCH 05: 1.BUNDESLIGA 94/95, 1.FC KOELN - VFB STUTTGART 1:0; Andreas BUCK/VFB STUTTGART, Olaf JANSSEN/1.FC KOELN (Photo by Mark Sandten/Bongarts/Getty Images)
Mittelfeldspieler Olaf Janßen bestritt 230 Pflichtspiele für den 1. FC Köln. Foto: Mark Sandten / Bongarts / Getty Images

fussball.news: Was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren?

Janßen: Das Gesamtpaket. Im Vorstand nimmt man sich nicht zu wichtig, sondern arbeitet im Hintergrund. Jeder in der Vorstandsebene hat seinen Platz, keiner äußert sich zu sportlichen Dingen in der Öffentlichkeit. Geschäftsführer Alexander Wehrle passt genau in die Lücke zwischen sportlichem Bereich und Vorstandsebene. Die einzig Verantwortlichen aus sportlicher Sicht sind Schmadtke und Stöger.

fussball.news: Warum ist Peter Stöger so wichtig?

Janßen: Über ihn gibt es keine zwei Meinungen. In Kollegenkreisen genießt er höchsten Respekt. Er ist ein absoluter Fachmann, strahlt eine ihm eigene Ruhe aus und ist darüber hinaus ein sehr bodenständiger Typ ohne Starallüren. Einfach ein angenehmer Mensch. Er hat ein hervorragendes Händchen, seine Mannschaft jedes Wochenende neu auf das kommende Spiel einzustellen. Er weiß, dass die Jungs immer nah an 100 Prozent liefern müssen, um erfolgreich zu sein. Es gibt keinen Star in der Mannschaft, der meint, er hätte was Besseres als den FC verdient. Die Truppe zieht an einem Strang.


Wann qualifiziert sich Köln wieder mal für den Europacup?


fussball.news: Und Ihre Meinung zu Jörg Schmadtke?

Janßen: Schmadtke und Stöger sind ein perfektes Paar. Die Aufgaben von Jörg Schmadtke sind bei genauerer Betrachtung noch komplizierter, als man zunächst vermutet. Die Top-Klubs der Liga schwimmen im Geld und suchen sich auf dem Transfermarkt die Sahnestückchen raus, das untere Drittel der Liga hat nur wenig finanziellen Spielraum und bekommt das was übrig bleibt. Der FC steht in der Mitte, was die Sache aber auch extrem schwierig macht.

In Köln wird der nächste Schritt erwartet. Doch für den nächsten Schritt muss der FC in den nächsten zwei bis drei Jahren sieben bis zehn Top-Spieler verpflichten. Schmadtke muss die berühmte Stecknadel im Heuhaufen finden, schneller und schlauer sein als viele seiner Kollegen – mit dem Wissen wirtschaftlich mit vielen Vereinen nicht mithalten zu können. Er hat bis jetzt einen tollen Job gemacht und ich drücke ihm die Daumen das ihm das in Zukunft gelingt. Es ist eine große Herausforderung.

fussball.news: Wer sind die besonderen Stützen im Team?

Janßen: Da sind zuerst Timo Horn, Jonas Hector und Anthony Modeste zu nennen. Horn strahlt eine große Sicherheit und Ruhe aus, Hector gab der Defensive großen Halt und Modeste ist ein Spieler, der weiß, wo das Tor steht. Ich hoffe, er bleibt gesund. Auch Marcel Risse spielte eine sehr gute Hinrunde. Yannik Gerhardt zählt für mich zu den großen Hoffnungsträgern der nächsten Jahre. Man sieht, was in ihm steckt. Ich glaube aber, dass bei ihm noch viel mehr drin ist.

Leonardo Bittencourt gab dem Umschaltspiel deutlich mehr Tempo als in der Vergangenheit, dass tat dem Spiel des FC gut. Er muss sich aber deutlich beim Passspiel und Torabschluss steigern. Positiv überrascht hat mich auch Dominique Heintz. Ich hatte ihm den Schritt in die Bundesliga nicht in dieser Geschwindigkeit zugetraut. Ich hoffe, dass er noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist.

fussball.news: Sie kennen Matthias Lehmann noch aus Ihrer Zeit als Co-Trainer bei den Münchner „Löwen“. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Janßen: Sehr positiv. Ich hätte ihm nicht zugetraut, dass er solange auf diesem Niveau spielen wird. Er ist das Gehirn der Mannschaft. Er ist der Organisator und für Stabilität und Ordnung zuständig. Das Team folgt ihm und im Spiel nach vorne ist er oft der Spieler, der nach der Balleroberung den Pass ins letzte Drittel spielt. Lehmann fällt oft nicht sonderlich auf, weil er nicht da ist, wo die Tore fallen, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Er wird im Mai 33 Jahre alt und ich hoffe, dass Matze noch bis 2017 auf diesem Niveau spielen kann.


Olaf Janßen zu Gast beim „FC-Stammtisch“ im April 2015 – jetzt im Youtube-Video


fussball.news: Die Fans machen das positive Bild rund?

Janßen: Ja. Ich habe mit dem FC noch um die Meisterschaft gespielt, aber das meist vor 15.000 bis 20.000 Zuschauern. Was inzwischen bei den Heimspielen abgeht, ist einfach nur geil. Ich kenne viele Kollegen, die sich viele Spiele des 1. FC Köln ansehen und auf keinen Fall die 15 Minuten vorm Anpfiff versäumen wollen, es ist Gänsehaut pur. Das alles macht es aus, warum der FC sich von dem Image einer Fahrstuhlmannschaft verabschiedet hat.

fussball.news: Inwieweit haben Sie noch Kontakt zum FC? Die Einbindung ehemaliger Spieler war in Köln schon immer recht schwierig.

Janßen: Ich pflege immer noch eine enge Beziehung zu meinem Verein, auch durch die Traditionsmannschaft des FC, in der ich sehr gerne spiele. Sicher ist es auch so, dass man beim FC nicht auf eine direkte Zusammenarbeit ehemaliger Spieler setzt beziehungsweise nicht mehr setzt, so wie in anderen Traditionsvereinen. Es gibt sicher einige Fachleute bei den Ehemaligen, die auch ihr Herzblut mit in den Job bringen würden.

fussball.news: Wo landet der FC am Saisonende?

Janßen: Ich bleibe bei meiner Prognose vom vergangenen Sommer: Einstelliger Tabellenplatz sieben bis neun. Rang neun wie nach der ersten Hälfte würde ich mit Kusshand nehmen.

fussball.news: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Trainer? Sportdirektor? Rückkehr zum FC?

Janßen: Ich bin mit Leib und Seele Trainer und glaube nicht, dass mein nächster Schritt in Richtung Sportdirektor gehen wird. In unserem Job als Trainer sollte man sich nicht allzu viele Pläne haben, sonst geht man oft enttäuscht durchs Leben. Mir hat ein Kollege mal gesagt: „Du musst loslassen können und nicht verkrampft nach Dingen suchen, die sowieso nicht kommen.“ Also lasse ich los, schaue mir viele Spiele und Trainingseinheiten an, mache mir in Ruhe Gedanken darüber, was ich von meiner Mannschaft als Trainer erwarte, was ich erreichen will und wie diese Ziele am besten umgesetzt werden können.

Dass das dann irgendwann mal beim 1. FC Köln der Fall sein könnte, in welcher Funktion auch immer, ist im Moment nur schwer vorstellbar. Aber wenn man zwölf Jahre in diesem Verein gespielt hat, in dieser Stadt lebt, geheiratet hat und seine Kinder hier geboren sind, ist es wohl nur zu verständlich, dass man manchmal doch an eine solche Konstellation denkt.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht in der Regel von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

Das nächste Interview folgt am Mittwoch (13.1.2016).

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