KOMMENTAR: Kroos fehlt die Qualität für die Top 20

KOMMENTARUnfassbar, aber wahr: Deutschland war nach dem 0:2 gegen Frankreich im EM-Halbfinale ausgeschieden, da bekam Toni Kroos kurz nach dem Spiel die Frage gestellt, wie er mit seiner Leistung zufrieden sei, habe er doch eine überragende EM gespielt. Bitte?

MARSEILLE, FRANCE - JULY 07: Toni Kroos of Germany reacts during the UEFA EURO semi final match between Germany and France at Stade Velodrome on July 7, 2016 in Marseille, France. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Toni Kroos – wie gut ist er als Fußballer wirklich? Foto:  Alexander Hassenstein/Getty Images

Top-Daten für Kroos

Nun gut, nahezu alle Hauptmedien loben Toni Kroos, zudem werden Top-Statistiken für den Mittelfeldstar von Real Madrid herausgepickt: Passquote, Ballkontakte und Packing-Rate – da ist Kroos ganz vorne dabei, absolute weltklasse eben. Doch selbst bei diesen Daten muss man das Ganze etwas relativieren. Kroos hat im deutschen Team die Aufgabe, das Spiel zu kontrollieren und zu verlangsamen, kurze Sicherheitspässe und viele Ballkontakte sind die logische Folge, zumal Deutschland in der Regel das dominierende Team ist.

Genauer Blick lohnt sich

Und auch bei der Packing-Rate – wie viele Gegenspieler werden mit einem Pass überspielt, um dem gegnerischen Tor näher zu kommen – gibt es eine Feinheit: Kroos weist die höchsten Werte auf, weil er in einem dominierendem Team bis 20 Meter vor dem gegnerischen Tor mit seinen kurzen und langen Pässen die Gegner aushebelt. Frühere weltklasse Mittelfeldspieler zeichnete aber aus, dass sie auch den letzten, entscheidenden Pass zum Tor beziehungsweise zu einer Großchance geben – das war bei Kroos und der aktuellen EM auch kaum der Fall – nicht mal als 2. Assistgeber.

Kroos mit Patzer im WM-Finale

Wie fussball.news bereits belegt hat, konnte Kroos bei großen Spielen und Turnieren in der entscheidenden Phase nicht überzeugen, viel mehr machte er sogar schwere Fehler. Einer davon hätte Deutschland beinahe den WM-Titel 2014 kosten können.

Ohne Durchsetzungsvermögen gegen Frankreich

Kroos hatte nun gegen Frankreich sogar etwas Pech, weil er zunächst etwas offensiver als gewöhnlich im Mittelfeld aufgestellt wurde. Kroos behagte die Position gar nicht, er konnte sich und seine Teamkollegen nicht in Szene setzen und war auch an keiner Großchance der Deutschen in der 1. Halbzeit entscheidend beteiligt. Wer das nicht in Erinnerung hat, braucht sich bloß das Highlight-Video zum Spiel oder einen ausführlichen Spielbericht durchlesen. Der Name Kroos kommt in Halbzeit eins nahezu nicht vor, obwohl er neben Mesut Özil der entscheidende Mann werden sollte.

Raum nicht genutzt

In der 2. Halbzeit war Kroos dann weiter hinten und weiter links im Mittelfeld positioniert. Er hatte viel Platz, denn die Franzosen – deren Trainer Didier Deschamps offenbar versteht, wie man Kroos zu bespielen hat – erachteten Kroos keiner großen Bedeutung in ihrem Defensiv-Konzept. Kroos erhielt Raum und den Ball, doch mit ein paar Sicherheitspässen nach vorne konnte Deutschland wenig anfangen. Torgefahr durch Kroos kam aber erst auf, als Deutschland mit 0:2 zurücklag. Da lieferte er Flanken für Sane und Höwedes, die nochmal zu Chancen führten. Wer Kroos zudem einen Kämpfer nennt, sollte dies überdenken. Beispiel gegen Frankreich: In der 87. Minute ließ sich Kroos den Ball am Strafraum der Franzosen abnhemen und blieb dann mindestens zehn Sekunden verägert am Boden liegen, während seine Teamkollegen den Franzosen und dem Ball nachjagten.

Qualität für Top 20 reicht nicht

Aber wie fussball.news schon zu Turnierbeginn erklärte, Kroos gilt als einer der weltbesten Spieler im Mittelfeld. Das Potenzial dazu hat er, er ist ein sehr erfolgreicher und guter Fußballer, sehr nett, sehr verbindlich, sehr sympathisch. Es geht nur darum, dass Kroos zu einem der weltbesten Fußballer aufgebauscht wird – und diesen Nachweis ist er bislang schuldig geblieben. Bei großen Spielen ruft Kroos sein Potenzial nicht ab, er spielt nicht mutig genug.

Kroos versagte gegen Frankreich

Mittlerweile muss man sogar festhalten: Er kann es nicht, er ist offenbar mental und spielerisch dazu nicht in der Lage. Kroos wurde in seiner ganzen Karriere nur einmal in die Top 20 der weltbesten Fußballer gewählt, das war nach dem WM-Titel 2014 auf Rang neun. Ansonsten liegt er in der Regel außerhalb der Top 20. Schweinsteiger, Özil, Michael Ballack oder auch früher Lothar Matthäus sind und waren andere Kaliber. Der Grund ist ganz einfach: Sie konnten und können wichtige Spiele entscheiden, Kroos nicht. Gegen Frankreich hat Kroos es leider mal wieder nachgewiesen.

Vergleich mit Iniesta und Pogba

Wer einen jüngeren Vergleich ziehen will: Andres Iniesta (Spanien/Barcelona) besitzt im Mittelfeld seines Teams einen ähnlichen Stellenwert. Wenn er sieht, dass es seinem Team in entscheidenden Spielen schlecht geht, krempelt er die Ärmel hoch und wendet die Partie. Das klappt natürlich nicht immer, aber etwa im WM-Finale 2010 erzielte er in der Verlängerung mit einer einzigartigen Aktion das Siegtor. Das werden später spanische Opas noch ihren Enkeln erzählen. Was kann man von Kroos in 20 Jahren erzählen? Bislang zumindest nicht, dass er große Spiele entschieden hat, weder mit Toren, Vorlagen noch anderen besonderen Aktionen. Noch ein ganz aktueller Vergleich: Paul Pogba ließ vor dem 2:0 Deutschlands Mustafi aussteigen und lieferte die Vorlage zum 2:0, wenn man so will. Auch Pogba ist kein super Dribbler, aber im entscheidenden Moment wusste er, was zu tun ist. Viele Berufs-Kritiker lassen Kroos aber diese Schwäche durchgehen. Ob dabei zu wenig Fußball-Sachverstand, zu wenig Praxis-Erfahrung im Fußball – oder andere Gründe im Spiel sind, darüber kann man nur spekulieren.

Droht in Madrid die Ersatzbank?

Es wäre übrigens nicht verwunderlich, wenn Kroos in der kommenden Saison öfter Platz auf der Ersatzbank bei Real Madrid findet. Trainer Zinedine Zidane sucht zahlreiche Top-Stars für das Mittelfeld, Paul Pogba und Eden Hazard etwa. In der spanischen Presse wird Kroos zum Teil kritisch gesehen: Mit ihm holte Real Madrid im 2. Jahr in Folge nicht den Meistertitel – und in der entscheidenden Phase des Champions-League-Finals gegen Atletico Madrid nahm ihn Coach Zidane runter vom Feld. Das machen Trainer, die selbst als Spieler Finals entschieden haben, nicht ohne Grund.

Anmerkung: Der Kommentar muss nicht mit der Meinung der Redaktion von fussball.news übereinstimmen. Der Kommentar ist die persönliche Meinung des Autors.

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  • Jason Fischbach

    Hauptsache nach seiner Auswechslung im CL Finale ging die Partie den Bach runter. Das mit den grossen Spielen und Kroos stimmt sowieso nicht. 2012 CL Finale hat er stark gespielt, 2014 CL Finale und EM Halbfinale stark, gegen Italien im Viertelfinale vielleicht nicht überragend, ging aber voran und verwandelte den ersten Penalty! Gegen Frankreich kurbelte er das Spiel immer und immer wieder an. Pogba hatte keine Chance gegen ihn. Deutschland dominierte klar das Mittelfeld! Die Statistik (nicht nur Passquote, Ballkontakte etc.) sondern auch Anzahl Schüsse/ lange Pässe, Zweikampfquote, Packing etc. sprechen halt einfach für ihn. Ausserdem macht er die Dinge, die normalen Fans halt nicht so auffallen. Er beruhigt das Spiel in hektischen Momenten und beschleunigt es mit seinen langen Pässen im richtigen Moment. Er ist immer anspielbar. Erinnern wird man sich an ihn auch nocht, vielleicht nicht so sehr, wie an die von euch oben genannten, da er einfach nicht polarisiert! Er wurde Deutschlands Fussballer des Jahres im Weltmeister Jahr, was auch von Wichtigkeit zeugt. Auch alle Trainer erachten ihn als essenziell. Heynckes, Löw, Guardiola, Ancelotti haben alle auf ihn gebaut!!!

  • nexus17

    Was für ein undifferenzierter Kommentar, Daniel Michel! Sie versuchen hier sachlich zu argumentieren, ignorieren bzw. verdrehen dabei aber Tatsachen, um Ihre Theorien belastbar zu machen. Nur ein paar Beispiele für große Spiele, in denen Kroos gut gespielt und/oder einen zählbaren Beitrag geleistet hat (was von Ihnen ja bestritten wird):
    2012 CL-Halbfinalspiele gegen Real
    2012 CL-Finale gegen Chelsea – Assist zum 1:0
    2014 WM-Viertelfinale gegen Frankreich – Assist zum 1:0
    2014 WM-Halbfinale gegen Brasilien – 2 Tore, 1 Assist, 1 Second Assist
    2014 WM-Finale gegen Argentinien – 1 Second Assist, Ecke von Kroos führte zum Pfosten-Kopfball von Höwedes
    2016 CL-Finale gegen Atletico – 1 Second Assist, nach Kroos´ Auswechslung begann Real zu schwimmen
    2016 EM-Viertelfinale gegen Italien – Kroos wird so gefürchtet, dass er zeitweise von Pellé und Eder aus dem Spiel genommen wird; Kroos schießt den ersten Elfer
    2016 EM-Halbfinale gegen Frankreich – Kroos hat (anders als von Ihnen behauptet) die größte deutsche Chance der ersten Hälfte, wird jedoch nach Doppelpass an der Strafraumgrenze (meiner Meinung nach regelwidrig) am Torschuss gehindert, ansonsten schnürt er gemeinsam mit Özil die Franzosen überwiegend in deren Hälfte ein und lässt sie hinterher laufen (wenn Sie das nicht wahrgenommen haben, muss ich an Ihrem Fußballsachverstand zweifeln); in Hälfte 2 läuft fast jeder gefährliche Angriff der Deutschen über Kroos
    Und Kroos in der nächsten Saison auf der Ersatzbank? Das wünschen Sie sich vielleicht, weil Sie persönlich einen Kroos offensichtlich nicht mögen, aber die Wahrscheinlich geht gegen Null, dass das passiert. Viel wahrscheinlicher ist, dass Kroos in 2016 wieder zu den 20 besten Fußballern der Welt gehören wird – warten Sie es ab!
    Und noch eins: Sie lassen die Mär vom Querpasstoni weiterleben, obwohl längst widerlegt werden konnte, dass Kroos überwiegt Quer- und Sicherheitspässe spielt – im Gegenteil, niemand spielt mehr Vertikal- und Diagonalpässe. Aber wer das nicht sehen will, sieht es auch nicht!

  • Rudi Ratlos

    Kroos konnte in jedem Spiel der EM Akzente setzen. Sogar gegen Italien, als er einen persönlichen Manndecker hatte, auch wenn er gegen Italien das Spiel nicht derartig dominierte wie in den anderen Partien. Ein Antonio Conte ist doch auch nicht blöd und weiß genau, wer seit über zwei Jahren der Spiritus rector der deutschen Nationalmannschaft ist.

    Es gibt nur wenige Spieler, die wie Kroos nun schon so lange auf konstant hohem Niveau spielen. Ihre Argumente gegen Kroos lassen sich dahingehend entkräften, dass Sie nur einzelne Fehler oder einzelne schlechte Spiele aufzählen. Das war’s dann auch schon. Wenn man aber so anfängt, dann lassen sich selbst bei Messi und Cristiano Ronaldo einzelne Fehlleistungen finden und dann wären selbst die beiden nicht mehr in den Top 20. Wer fragt, wo Kroos im Finale der CL oder der WM war, aber nicht die Frage stellt, wo Messi im WM-Viertelfinale 2010 war oder im WM-Finale 2014, der argumentiert nicht redlich.

    Ein sehr guter Spieler, den ich zur Weltklasse zähle, ist Jerôme Boateng. Nach seinem dämlichen Handspiel wäre er aber nicht mehr in den Top 20, oder? So argumentieren Sie! Ich weiß auch nicht, wie Sie darauf kommen, Kroos wäre überschätzt. Es gab noch nie überschwänglichen Jubel wegen Kroos. Vom breiten Publikum wird er mehr unterschätzt als überschätzt. Ich vermute daran, dass es daran liegt, dass Kroos nichts Schema passt. Ein solcher Spieler müsse doch viel selbstsicherer auftreten, lauter sein. Dass er diese Vorurteile nicht bestätigt, macht ihn zur Zielscheibe unsachlicher Kritik.

    Was bei Kroos gilt, gilt auch bei Özil. Ein ebenso begnadeter Fußballer, aber ein stilles Gemüt. Bei Klose war das auch viele Jahre so. Bei Bayern München wurde er schlecht gemacht, weil er zu wenig Tore schoss. Dass er aber einer der besten Assistgeber seiner Mannschaft war, ließ man nicht gelten. Vor jedem Turnier wurde herumgemosert, warum der Löw den Klose mitnähme. Jetzt, da er nicht mehr in der NM spielt, wissen wir, was dem deutschen Spiel fehlt.

  • Rudi Ratlos

    Ich lache mich kaputt. Jetzt ist Kroos einer der bestbezahlten Fußballer der Welt und Ihr Artikel, Daniel Michel, hat nun endgültig den Gipfel der Lächerlichkeit erreicht. Sie wurden vor drei Monaten vollkommen zurecht kritisiert, nicht nur von mir und verspüre bei so einer Gehaltserhöhung für Kroos Genugtuung.

    Ich habe leider kürzlich gelesen, dass Jerome Boateng Fußballer des Jahres wurde. Ich halte nichts davon, vom Bayern-Bonus zu reden, aber ich glaube, dass da ein Bayern-Bonus mitgewirkt hat. Kroos‘ Leistungen bei Real waren überragend, genauso auch in der Nationalmannschaft (Tore gegen Italien und England, sowie eine sehr gute EM) und nun diese Vertragsverlängerung. Kroos ist seit 2014 Deutschlands bester. Cruyff und der dicke Ronaldo sahen in ihm den besten Spieler der WM 2014.

    Ich weiß nicht, was Kroos getan haben muss, dass er so geringschätzt und missachtet wird. Er ist ein absoluter Gentleman und spielt erstklassigen Fußball auf höchsten Niveau. Muss er erst wie Effenberg oder Matthäus auf die Kacke hauen?