BAP-Sänger Wolfgang Niedecken: „Da ist der Groschen gefallen“

München – Wolfgang Niedecken hat neben der Musik und der Malerei noch eine dritte Leidenschaft: den 1. FC Köln. Seinem Verein hat der 64-Jährige ein Leben lang die Treue geschworen. „Lebenslänglich“ ist auch der Titel des neuen Albums. Niedecken und seine Kollegen gehen 2016 zurück zu den Ursprüngen der Band. Zum 40-jährigen Jubiläum heißt es jetzt wieder „Niedeckens BAP“.

Auch beim FC hat sich etwas verändert. Zur Freude von Niedecken geht es insgesamt wieder aufwärts. Die 1:3-Niederlage zum Rückrundenstart zu Hause gegen den VfB Stuttgart tut der positiven Stimmung im Verein keinen Abbruch. Vor dem Spiel am Sonntag beim VfL Wolfsburg stehen die Kölner weiter auf Platz neun in der Tabelle. Der Vorsprung auf die Abstiegsplätze beträgt sechs Punkte.

Niedecken blickt daher zufrieden auf die „Geißböcke“. Im Interview mit fussball.news spricht er über seinen Herzensklub, FC-Coach Peter Stöger, Manager Jörg Schmadtke – und ein neues Motto bei den Domstädtern.

COLOGNE, GERMANY - JUNE 09: Wolfgang Niedecken, lead singer of the German rock group BAP, performs during a ceremony marking the 10th anniversary of the bombing in Keupstrasse street on June 9, 2014 in Cologne, Germany. On June 9, 2004, a bomb filled with nails detonated in the immigrant-heavy street that injured 22 people and for which neo-Nazis Uwe Mundlos and Uwe Boehnhardt of the National Socialist Underground (NSU) took responsibility in a video found eight years later. Beate Zschaepe, who lived with the two men, is currently on trial in Munich for her role in their activities that also include the murder of nine immigrants and a policewoman. (Photo by Sascha Steinbach/Getty Images)
Wolfgang Niedecken ist bekennender Fan des 1. FC Köln. Foto: Sascha Steinbach / Getty Images

fussball.news: Herr Niedecken, wie fällt Ihre bisherige Saison-Bilanz für Ihren 1. FC Köln aus?

Wolfgang Niedecken: Ich kann nur sagen, dass wir einige Punkte mehr auf dem Konto hätten, wenn wir fair behandelt worden wären. Wenn wir gegen einen Hannoveraner Handballverein spielen (0:1-Niederlage zu Hause gegen Hannover 96, d. Red.) und da ganz andere Regeln gelten, dann kriegst du schon mal drei Punkte weniger. Das ist echt nicht okay, aber Spaß beiseite. Wenn mir im vergangenen Sommer jemand gesagt hätte, dass wir die erste Hälfte dieser Saison so gut abschneiden würden, dann hätte ich das sofort unterschrieben.

fussball.news: In Köln werden die Fans aber schnell euphorisch und träumen von Europa.

Niedecken: Ja, das kennt man. (lacht) Aber solange wir den Ball flach halten, ist alles wunderbar. Ich bin absolut zufrieden mit dem, was mein FC in dieser Saison bisher zustande gebracht hat. Auch, wenn ich mir das eine oder andere Tor mehr wünsche würde. In der Hinrunde haben wir schon oft Unentschieden gespielt. Wir haben aber auch gegen tolle Mannschaften schon drei Punkte geholt wie gegen Schalke oder gegen Gladbach. Ich bin zufrieden, das kann von mir aus so weiter gehen. Ich bin völlig happy, wenn wir mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.

fussball.news: Sie sagten mal, dass der FC eine Thekenmannschaft werden kann und Sie weiter treu bleiben. Die Entwicklung aber ist erfreulich, oder?

Niedecken: Absolut. Es war ein Geschenk Gottes, den Peter Stöger nach Köln zu holen und den Jörg Schmadtke zum Sportchef zu machen. Bei dem Präsidium habe ich allerdings zuerst mal die Luft angehalten und gedacht ‚um Gottes Willen, was soll das denn werden?‘, aber auch die haben einen tollen Job gemacht. Ich bin ganz happy mit den Leuten. Zum Glück hat das in Köln auch etwas bewirkt.


1LIVE-Sonderpreis für Wolfgang Niedecken


fussball.news: Das Motto „Spürbar anders“ passt da ganz gut, oder?

Niedecken: Ganz genau. Es ist spürbar etwas anders. Es ist schön, dass es ruhiger geworden ist, denn dieser ganze Alarm hat auch geschadet. Die Ruhe hat auch sehr viel mit der Mentalität vom Schmadtke zu tun, der wirklich sehr viel bei dem Verein bewirkt hat mit seinem uneitlen Auftreten und Handeln.

fussball.news: Präsident Werner Spinner war früher Vorstand bei Bayer und Leverkusen-Fan. Passt so ein Typ trotzdem zum FC?

Niedecken: Wunderbar. Es ist nie zu spät. Mal ehrlich: Wenn der FC ruft, wer könnte sich dem widersetzen? (lacht)

fussball.news: Der FC steht trotz der Niederlage zum Rückrundenstart gegen den VfB Stuttgart in der Tabelle im gesicherten Mittelfeld. Abstiegssorgen muss sich der Fan und Geißbock Hennes bisher nicht machen. Brechen da ganz neue Zeiten an in Ihrem geliebten Verein?

Niedecken: So ganz beruhigt kann man nie sein. Das blöde ist, dass wir in der Hinrunde gegen Mannschaften, die mit uns auf Augenhöhe waren, immer schlecht abgeschnitten haben. Bei den Teams, die selber angreifen und wir aus einer sicheren Deckung raus spielen können, sehen wir besser aus. Das ist ganz merkwürdig. Momentan sehe ich mehr Chancen gegen Dortmund zu drei Punkten zu kommen als gegen Augsburg. Die 0:1-Heimniederlage gegen den FCA war ein Paradebeispiel: ein Pfostenschuss, ein verschossener Elfmeter und reichlich vergebene Großchancen.

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Wolfgang Niedecken mit seiner Ehefrau Tina. Foto: Getty Images

fussball.news: Das ist nichts für Sportwetten-Liebhaber.

Niedecken: Stimmt. Ich stehe ja morgens immer vor meinem Kühlschrank, denn da habe ich den Spielplan dran geklebt. Und ich trage schon gar nicht mehr die Tore ein, sondern hinter das entsprechende Spiel eine Eins für Unentschieden, drei für einen Sieg und eine Null für ein verlorenes Spiel. Es kommt beim FC auf die Punkte an und nicht auf das Tor-Verhältnis. Wenn ich sehe, gegen wen wir nur einen Punkt geholt oder gegen wen wir verloren haben, dann werde ich doch ab und zu auch mal wieder etwas unruhig.

fussball.news: Früher wäre ruck zuck Unruhe aufgekommen, heute nicht, wie man jetzt nach dem 1:3 gegen Stuttgart sieht. Ist die neue Bodenständigkeit und Besonnenheit beim 1. FC Köln nicht beängstigend?

Niedecken: Nein, da hat etwas gezündet. Ich glaube da ist der Groschen gefallen. Ich glaube die FC-Fans haben begriffen, dass wir doch nicht Real Madrid vom Rhein sind. Das hat fünf Abstiege gedauert, aber jetzt haben es wohl so langsam alle kapiert.


Refrain aus dem wohl bekanntesten Titel-Song „Verdamp lang her“ (1981) von BAP

Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Jraav woor.
Verdamp lang her, dat mir jesprochen hann,
un dat vum eine och jet beim andre ahnkohm,
su lang, dat ich mich kaum erinnre kann.
Häss fess jejläuv, dat wer em Himmel op dich waat,
„Ich jönn et dir“, hann ich jesaat


fussball.news: Warum passt das so gut mit Stöger und dem FC?

Niedecken: Ich kenne ihn noch nicht persönlich bis auf einen Smalltalk, aber das kann ja noch werden. Ich bin einfach immer wieder begeistert von seiner ruhigen und sachlichen Art. Gab es schon mal einen Wutausbruch bei ihm wie von einem Jürgen Klopp? Ich denke nicht.


Wolfgang Niedecken im SWR-Interview über das neue Album „Lebenslänglich“


fussball.news: Was gefällt Ihnen noch?

Niedecken: Es ist auch klasse, wie Stöger seine Spieler schützt. Die Zusammenarbeit mit Schmadtke ist schon klasse. Die Zwei haben Talente entdeckt, die toll eingeschlagen sind. Es gibt auch Trainer, die abgehalfterte Cracks kaufen und denken sie seien die Wunderwaffen, obwohl sie kurz vorm Karriereende stehen. Das ist alles Quatsch.

fussball.news: Doch…

Niedecken: …Andererseits muss man auch mal mit Spielern etwas Geduld haben, die gerade mal eine Ladehemmung haben. Da sollte man nicht überstürzt handeln. Ein guter Trainer muss sich das Vertrauen der Mannschaft auch erarbeiten. Vertrauen bekommt man nicht geschenkt. Aber Stöger hat mittlerweile das Vertrauen der ganzen Stadt.

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2012 traf Reporter Reinhard Franke (l.) FC-Fan Wolfgang Niedecken in München im Vorfeld des Tollwood-Konzerts das erste Mal. Auch 2016 ist Niedeckens BAP dort zu Gast. Foto: RF

fussball.news: Sind Sie der Peter Stöger von BAP? Auch Sie haben sich das Vertrauen bei den Fans erarbeitet, oder?

Niedecken: Ein schöner Vergleich, aber er passt. Das hatte ich auch nicht von Anfang an. Wir sind jetzt mit BAP seit 1976 zu Gange, zwei Jahre bevor der FC das Double geholt hat. Abgesehen davon hat sich BAP am Tag nach vier Kölner Toren gegründet.

fussball.news: Jetzt gibt’s die Überprüfung als Fan. Gegen wen?

Niedecken: Kein Problem. Es geht um das Halbfinale zwischen Deutschland und Jugoslawien bei der Europameisterschaft 1976. Vier Tore von zwei FC-Spielern: Heinz Flohe mit der ersten Bude und der damalige Debütant Dieter Müller mit einem lupenreinen Hattrick. Also hat der 1. FC Köln dafür gesorgt, dass Deutschland ins Finale kam. Hätte Uli Hoeneß beim Elfmeterschießen den Ball nicht in den Nachthimmel über Belgrad geschossen, wären wir vielleicht Europameister gewesen.

MUNICH, GERMANY - OCTOBER 11: Wolfgang Niedecken performs during the WIR open air at Koenigsplatz on October 11, 2015 in Munich, Germany. This free music festival is offered by the city of Munich to the numerous volunteers that provided help to the refugees in recent weeks. (Photo by Hannes Magerstaedt/Getty Images)
Wolfgang Niedecken liebt die Musik und den 1. FC Köln. Foto: Hannes Magerstaedt / Getty Images

fussball.news: Und wie war das mit der BAP-Gründung tags drauf?

Niedecken: Ich war am Morgen danach entsprechend verkatert, weil wir ordentlich gefeiert hatten, aber ich musste um zehn Uhr zum Zivildienst und „Essen auf Rädern“ rumfahren. Ein Kumpel rief mich an, der Saxophonist meiner früheren Amateurband, den ich fünf Jahre nicht gesehen hatte, und überbrachte mir die freudige Nachricht, er hätte einen Bauernhof geerbt und wenn wir den Schweinestall zusammen renovieren würden, dann könnten wir wieder zusammen Musik machen. Und unter Zeitdruck sagte ich nur ’jaja machen wir‘ – das war die BAP-Gründung.


BAP geht 2016 auf Jubiläumstour. Die ersten Tour-Termine:

  • 16. Mai 2016: Duisburg
  • 18. Mai 2016: Münster
  • 19. Mai 2016: Hannover

Link: Alle Tour-Termine in der Übersicht


fussball.news: Peter Stöger hat seinen Vertrag vorzeitig bis 2020 verlängert. Es war höchste Zeit, bevor es konkrete Interessenten gegeben hätte, oder?

Niedecken: Manchmal gibt es Abgänge, mit denen man nicht rechnet. Ich habe mich sehr über den Wechsel von Anthony Ujah zu Werder Bremen gewundert. Hätte ich nicht gedacht, denn er war in Köln ein Held, ’ne Kölsche Jung. Ich weiß nicht, ob die Entscheidung so glücklich war von ihm. In Köln war er auf dem Weg zum schwarzen Poldi zu werden. Man mochte ihn hier sehr, auch weil er lustig war.

fussball.news: Lukas Podolski spielt seit Saisonbeginn bei Galatasaray Istanbul. Glauben Sie an eine Rückkehr zum FC?

Niedecken: Nein. Das sollte er sich auch nicht antun. Ich mag den Poldi wirklich sehr als Mensch und als Kicker. Er ist eine Bereicherung für jede Mannschaft. Aber ausgerechnet in Köln die Karriere ausklingen zu lassen wäre irgendwie unwürdig. Ich glaube auch nicht, dass er unter Stöger und Schmadtke nochmal geholt wird. Wie sollte ein Trainer sein Team aufstellen, wenn einer 100%ig gesetzt ist? Der „FC Poldi“ geht nicht. Dann hättest du den FC ohne Not wieder am Nasenring des Boulevards. Das braucht kein Mensch.

fussball.news: Wo landet der FC am Saisonende?

Niedecken: Wir werden nicht absteigen und alles, was einstellig ist, würde ich grenzenlos abfeiern.

Das nächste Interview am Morgen folgt voraussichtlich am kommenden Montag.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht in der Regel von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

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