Schlechtes Omen für Lehmann

München – Feinsinnig und gelegentlich provokativ wirken die Analysen von Jens Lehmann, wenn er beim TV-Sender RTL die Leistung der deutschen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation bewertet.

HAMBURG, GERMANY - JULY 17: Former german national soccer goalkeeper Jens Lehmann attends the offical Television programm-preview of german television production RTL on July 17, 2014 in Hamburg, Germany. He will present the show «European Qualifiers«, which will be shown nationwide later this year. (Photo by Alexander Koerner/Getty Images) (Photo by Alexander Koerner/Getty Images)
Jens Lehmann ist nach seiner Karriere als Torwart in den TV-Bereich gewechselt. Foto: Alexander Koerner Getty Images

Lehmann besucht Training des FC Bayern

Zuletzt sorgte der 46-Jährige jedoch mit einer anderen Schlagzeile für Aufsehen. Reporter der Bild-Zeitung hatten Lehmann beim Training des FC Bayern als Zaungast entdeckt. Fleißig soll er die taktischen Anweisungen von Münchens Trainer Pep Guardiola aufgeschrieben haben. Der Grund: Lehmann, der bereits im Jahr 2013 als Sportdirektor bei Zweitligist 1860 München gehandelt wurde, plant offenbar seine Zukunft als Trainer voraus.

Meister mit Arsenal

Es wäre auf den ersten Blick ein sehr nachvollziehbarer Schritt: Der frühere Nationaltorwart zählte fast zwei Jahrzehnte zu den erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Fußballern. Mit Borussia Dortmund holte er 2002 die deutsche Meisterschaft, in England glückte ihm der Titelgewinn mit dem FC Arsenal 2004.

1997 hat er den UEFA-Cup gewonnen

International spielte er oftmals um die großen Titel mit, darunter 1997 der Triumph mit dem FC Schalke im UEFA-Cup. In der deutschen Nationalmannschaft löste er in einem packenden Duell Oliver Kahn als Nummer eins im Tor ab und wurde bei der WM 2006 Dritter sowie Vize-Europameister im Jahr 2008. Lehmann war Meinungsführer und galt als innovativer, mitspielender Torwart.

Jens Lehman hütetet über fünf Jahre das Tor des FC Arsenal. Nun will er in den Trainerbereich einsteigen. Foto: Alex Livesey / Getty Images
Jens Lehman hütetet über fünf Jahre das Tor des FC Arsenal. Nun will er in den Trainerbereich einsteigen. Foto: Alex Livesey / Getty Images

Kaum Chancen für Lehmann

Der gebürtige Essener scheint also prädestiniert für den Trainerjob – wäre da nicht die Statistik. Um die Recherche von fussball.news auf den Punkt zu bringen: Wer früher Torwart war, hat in der Bundesliga als Trainer nahezu keine Chance auf einen Job als Cheftrainer – und schon gar keine Chance auf Erfolg.

Image-Pflege fehlt

Die Ursachen hierfür sind vielschichtig, ein wesentlicher Grund aber ist: Torhüter selbst verkaufen sich oftmals unter Wert oder drängen nicht in den Trainer-Job. Vereinsverantwortliche wiederum sehen in den Keepern offenbar keine großen Strategen – oder werden bei ausbleibendem Erfolg schnell ungeduldig.

So ist aktuell kein früherer Torhüter als Cheftrainer in der Bundesliga aktiv. Unter den derzeit 18 Erstliga-Trainern haben die ehemaligen Mittelfeld-Strategen das Sagen (neun Coaches), gefolgt von Abwehrspielern (sechs Trainer) und Stürmern (drei).

Nur zwölf Torhüter haben sich später als Chefcoach in die Bundesliga gewagt

Ein Blick in die Bundesliga-Historie lässt tief blicken: Bei nur zwölf der 462 Bundesliga-Trainer ist eine Spieler-Karriere als Torhüter verzeichnet. Einschränkung: In den gesammelten Archiven ist nicht über jeden Trainer bekannt, welche Position er einst gegebenenfalls bei einem Amateur-Klub bekleidete (die Zahl dürfte aber fünf nicht übersteigen, so dass die negative Tendenz bestehen bleibt).

Tilkowski als Ausnahme

Zu den Ausnahmen zählen nach Recherchen von fussball.news nur eine Handvoll Namen: Der wohl bekannteste davon ist Hans Tilkowski. Der Vize-Weltmeister von 1966 trainierte in den 1970er Jahren insgesamt vier renommierte Vereine – Werder Bremen (zwei Mal) sowie den 1. FC Saarbrücken in der Bundesliga, den 1. FC Nürnberg und 1860 München in der Regionalliga bzw. 2. Liga –, doch ein herausragender Erfolg sollte bei seinen Engagements nicht herausspringen. Entnervt gab Tilkowski zu Beginn der 1980er Jahre den Trainerjob auf.

West Germany's goalkeeper Hans Tilkowski watches the ball bounce off the crossbar following a shot by English forward Geoff Hurst (not pictured) as English forward Roger Hunt (arms raised) and West Germany's defender Wolgang Weber look on during the overtime period of the World Cup final on July 30, 1966 at Wembley stadium in London. After consulting Soviet linesman Tofik Bakhramov, Swiss referee Gottfried Dienst validated the goal as England went on to defeat West Germany 4-2, with Hurst scoring three goals, to win its first World Cup title. (Photo credit should read STAFF/AFP/Getty Images)
Hans Tilkowski blickt beim legendären Wembley-Tor Richtung Ball, kann aber die Fehlentscheidung des Schiedsrichters nicht mehr verhindern. Foto: STAFF / AFP /Getty Images

Kölner Torhüter-Ära

Eine kurze Trainer-Ära mit ehemaligen Torhütern gab es zudem beim 1. FC Köln. Hanspeter Latour war von Januar bis November 2006 Cheftrainer der Geißböcke, ihm folgte für drei Spiele als Interims-Coach Holger Gehrke. Im Oktober 2010 sollte mit Frank Schaefer ein weiterer Ex-Torwart zum Cheftrainer aufsteigen. Ihm gelang der Klassenerhalt mit dem FC, Schaefer legte dann aber sein Amt freiwillig nieder, bevor er zwischen April und Juni 2012 nochmal als Coach einsprang, den Abstieg aus der 1. Liga aber nicht mehr verhindern konnte.

Zumdick führte 2000 den VfL Bochum in die Bundesliga zurück

Neben dem Kölner Trio waren im neuen Jahrtausend nur noch zwei frühere Keeper als Cheftrainer in der Bundesliga tätig. Ralf „Katze“ Zumdick übernahm im Dezember 1999 das Traineramt beim VfL Bochum. Er führte den Zweitligisten zurück in die Bundesliga, doch in der Saison darauf war für ihn im Februar Schluss. Danach folgten Jobs als Co-Trainer (Dortmund, Hamburg) und Engagements im Ausland (Türkei, Iran).

Reck mit kurzem Gastspiel auf Schalke

Für ein Spiel war Oliver Reck als Trainer beim FC Schalke 04 im Dezember 2005 eingesprungen (0:2 in Stuttgart). Nur fünf ehemalige Torhüter bekamen demnach in den vergangenen 15 Jahren eine Chance, ihr Können als Cheftrainer in der Bundesliga unter Beweis zu stellen. Ihre Amtszeit war allerdings jeweils von kurzer Dauer.

Von Pfau bis Cendic

Doch auch im 20. Jahrhundert stellte sich die Situation nicht besser dar: Neben dem erwähnten Tilkowski waren es in 37 Bundesliga-Saisons nur sechs Keeper, die zu Trainer-Jobs gelangten: Oswald Pfau, Karl Bögelein, Slobodan Cendic, Özcan Arkoc, Josef Stabel und Jürgen Rynio lauten ihre zum Großteil heute nicht mehr geläufigen Namen.

Oswald Pfau wurde im April 1968 in Dortmund Trainer und rettete die Borussia vor dem Abstieg. In der Saison darauf verstarb er jedoch im Alter von 69 Jahren aufgrund eines Herzinfarkts.

Karl Bögelein holte als Spieler mit dem VfB Stuttgart 1952 die deutsche Meisterschaft, später sprang er im April 1972 beim VfB als Interims-Trainer ein, verpasste aber die Qualifikation für den Europacup.

Zu den größten Meriten von Slobodan Cendic zählt ein 6. Platz mit dem FC Schalke 04 im Jahr 1971 und der Bundesliga-Aufstieg mit dem 1. FC Saarbrücken 1976. Platz sechs in der Abschlusstabelle ist der größte Erfolg eines ehemaligen Torwarts als Chefcoach in der Bundesliga, quasi Rekord!

Schlechter lief es für Özcan Arkoc. Er trainierte den Hamburger SV ab Oktober 1977, nach Tabellenplatz 10 in der Abschluss-Tabelle durfte er jedoch keine Saison mehr beim HSV dranhängen.

Zum Inventar des 1. FC Kaiserslautern zählte Josef Stabel. Der Keeper bestritt 74 Bundesliga-Spiele für Kaiserslautern in den 1970er Jahren. Später, im November 1987, übernahm er das Traineramt beim FCK und sicherte den Pfälzern den Klassenerhalt. In der Saison darauf holte er Rang neun, was allerdings der Klubführung nicht ausreichte. Stabel musste seinen Platz auf der Trainerbank räumen.

Und auch Jürgen Rynio gab nur ein kurzes Intermezzo auf der Trainerbank: Im November 1985 half er Hannover 96 für zwei Monate als Interims-Coach aus.

Im Ausland trumpfen Torhüter auch als Trainer auf

Fast könnte es sich um einen speziellen Bundesliga-Fluch handeln, der auf den Torhütern lastet, wenn es um spätere Erfolge als Cheftrainer geht. Denn ein Blick ins Ausland verrät: es geht auch erfolgreich.

Ex-Torwart Senol Günes führte die Nationalmannschaft der Türkei bis ins Halbfinale bei der WM 2002.

Italiens Torwart-Legende Dino Zoff (Weltmeister 1982) gewann mit Juventus Turin 1990 den UEFA-Pokal. Mit Italien verpasste er im Jahr 2000 erst in der letzten Minute den EM-Titel und musste sich Frankreich dann in der Verlängerung geschlagen geben.

Belgiens Torwart-Ikone Michel Preud’homme gewann mit Standard Lüttich 2008 die Meisterschaft, 2010 folgte mit KAA Gent der Pokalsieg. Im Jahr darauf holte er mit Twente Entschede in den Niederlanden den Pokal.

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