Schneider: „Schweinsteiger ist in Manchester-Spielsystem nicht gut integriert“

München – Thomas Schneider ist seit Herbst 2014 Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Im Interview mit der Münchner Abendzeitung sprach der 43-Jährige nun über die schwierig verlaufene EM-Qualifikation mit dem DFB-Team, über die kritische Situation von Bastian Schweinsteiger bei Manchester United und über die Qualitäten der Gruppen-Gegner bei der EM in Frankreich.

(L-R) Assistant coach Thomas Schneider and coach Joachim Loew of the German national football team attend a public training session in Frankfurt, Germany on September 1, 2015 prior to the EURO qualifier Germany vs Poland on September 4, 2015. AFP PHOTO / DANIEL ROLAND (Photo credit should read DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images)
Thomas Schneider (l.) erhält laut eigener Aussage viele Freiheiten von Bundestrainer Joachim Löw bei der Trainigsarbeit. Foto: DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images

„Spieler waren nach WM müde“

Erst am letzten Gruppen-Spieltag hatte das DFB-Team die Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 endgültig gesichert. Thomas Schneider führte im Gespräch mit der AZ zwei wesentliche Gründe für den schweren Verlauf der EM-Qualifikation an. „Als ich zur Nationalmannschaft gekommen bin, war schon eine bestimmte mentale Müdigkeit nach dem WM-Triumph zu spüren. In Brasilien ist wochenlang an der Kante gearbeitet worden, alles war total fokussiert auf den Erfolg. Es ist dann ein Stück weit normal, dass man in eine Phase kommt, in der man sich konsolidieren muss und nicht ständig Topleistungen abrufen kann“, sagte Schneider und nannte eine zweite Erklärung:

„Zudem gab es nach der WM einen Bruch, weil die Nationalmannschaft unglaublich wichtige Spieler – auch von den Persönlichkeiten her – verloren hat, mit Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm.“

1990 war es knapper mit der Qualifikation für ein Großturnier

Dennoch sieht Schneider das Quali-Thema gelassener als zahlreiche Berichterstatter. „Ich stimme zu, wenn man sagt, dass die Qualifikation holprig war. Fakt ist, dass wir uns qualifiziert haben. Fakt ist auch, dass die Jungs auf den Punkt da waren, als es darauf ankam, nämlich in den Spielen gegen Polen und Schottland. Da waren wir am Leistungslimit“, stellte Schneider fest und betonte:

„Dass wir uns insgesamt noch steigern müssen, kann man nicht von der Hand weisen. Aber ich kann mich an Qualifikationen erinnern, die weitaus spannender waren. Nehmen Sie nur Icke Häßlers spätes Tor gegen Wales bei der WM-Quali 1990.“

Polen setzt auf Konter

Mit Blick auf die Gruppengegner bei der EM analysierte Schneider: „Die polnische Mannschaft hat sich sehr gut entwickelt, agiert gut aus Kontern heraus und hat mit Robert Lewandowski einen echten Vollstrecker. Sie gehören für mich zum erweiterten Favoritenkreis. Polen ist sicher unser stärkster Gruppengegner.“

Die Ukraine wiederum sei „defensivstark, variabel im Spielsystem, eine unbequeme Mannschaft“. Die Nordiren, so Schneider, seien „unheimlich mannorientiert und zweikampfstark, richtig gut bei Standardsituationen“. Für das DFB-Team gebe es aber nur ein Ziel: „Die Gruppe zu gewinnen.“

Thomas Schneider, assistant coach of the German national football team addresses the media during a news conference in Frankfurt, Germany on September 1, 2015 prior to the EURO qualifier Germany vs Poland on September 4, 2015. AFP PHOTO / DANIEL ROLAND (Photo credit should read DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images)
Thomas Schneider trainierte zuvor in der Bundesliga den VfB Stuttgart. Foto: DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images

Schutz für Schweinsteiger

Schneider beobachtet auch die deutschen Nationalspieler im Ausland, darunter Bastian Schweinsteiger bei Manchester United. Er nahm den Kapitän der Nationalmannschaft in Schutz vor zu großer Kritik. „Ich habe Bastian Schweinsteiger im letzten halben Jahr sehr intensiv verfolgt. Und ich wundere mich schon, warum er so in der Kritik steht“, sagte Schneider.

Die Mannschaftsstruktur bei Manchester sei nicht einfach, so Schneider, er habe Spiele beobachtet, „bei denen ich das Gefühl hatte, dass er in die Spielidee nicht integriert ist. Er bewegt sich in guten Räumen, ist oft anspielbar. Aber es hat den Anschein, dass die Mannschaft sein Potenzial nicht genügend nutzt. Dabei könnte er ihr viel mehr geben.“ Dennoch macht sich Schneider um Schweinsteiger wenig Sorgen: „Ich bin überzeugt, dass er in den nächsten Monaten seine Leistung abrufen wird und bei der EM ein ganz wichtiger Spieler für uns ist.“

Lob für Löw

Lobende Worte fand Schneider auch für Bundestrainer Joachim Löw. „Was Jogi Löw auszeichnet, ist neben den taktischen Qualitäten vor allem die Art und Weise, wie er ein Team führt“, betonte Schneider, der ausführte: „Wenn die Nationalmannschaft zusammenkommt, ist ein gewisser Spirit zu spüren. Jeder kommt gerne zur Nationalmannschaft, das gilt für die Spieler genauso wie für die einzelnen Mitglieder aus dem Team hinter dem Team.“ Schneider mache es viel Spaß, mit Löw zusammenzuarbeiten.

Schneider will „wahnsinnig erfolgreich“ mit DFB-Team sein

Für das neue Jahr, so Schneider, wünsche er sich „in erster Linie natürlich Gesundheit für meine Familie“ und im sportlichen Bereich: „Dass ich meinen Teil dazu beitrage, dass wir im neuen Jahr wahnsinnig erfolgreich sein werden“.

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