Willi Landgraf: „Ich lasse mir jedes Zeugnis zeigen“

München – Willi Landgraf ist „Mister 2. Liga“ und erhielt aufgrund seiner resoluten Spielweise in der Abwehr und seines unermüdlichen Einsatzes auch den Beinamen „Kampfschwein“. Keiner hat mehr Spiele im deutschen Unterhaus zu verzeichnen, als der Ex-Profi von Rot-Weiß Essen, Gütersloh und Alemannia Aachen. Seine 508 Spiele (14 Tore) sind unerreicht. Im Interview mit fussball.news spricht der heute 47 Jahre alte Trainer der U15 des FC Schalke 04 über die Jugendarbeit im deutschen Fußball, seine Karriere und seine harte Spielweise in seiner aktiven Zeit. 

BERLIN - MAY 29: Ailton of Bremen in action against Willi Landgraf of Aachen during The DFB Pokal Final between Werder Bremen and Alemania Aachen at The Olympic Stadium May 29, 2004 in Berlin, Germany. (Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Willi Landgraf durfte in der Bundesliga nie als Spieler auflaufen. Im DFB- und Europa-Pokal spielte er gegen die großen Klubs. Hier gegen Werder Bremens Ex-Star Ailton. Foto: Stuart Franklin/Getty Images

fussball.news: Herr Landgraf, Sie halten nicht nur den Zweitligarekord für die meisten Spiele, sondern haben auch die meisten Platzverweise gesehen (Anm. d. Red: neun). Sprechen Ihre Spieler Sie darauf an?

Landgraf: Natürlich gab es da schon die eine oder andere Bemerkung. Ich sage dann immer, dass man früher schneller Rote Karten bekommen hat. (grinst) Und ich habe nie böse gefoult, immer nur gemeckert. Und als Trainer bin ich kaum ruhiger geworden. Ich fiebere an der Seitenlinie immer mit.

fussball.news: Wie gehen Ihre Schützlinge damit um, dass sie einen ehemaligen Profi als Trainer haben? Ist das etwas Besonderes für die Jungs?

Landgraf: Bei den ersten Einheiten gab es schon einen gewissen Respekt, aber das pegelt sich schnell ein. Man darf ihnen natürlich nicht erzählen, wie klasse man früher war. Außerdem darf man ihnen keinen Quatsch erzählen. Man muss sicherstellen, dass sie das, was der Trainer vermittelt, glauben können. Und natürlich versuche ich den Jungs etwas mitzugeben. Wenn man selbst gespielt hat, kann man sich besser in die Spieler hineinversetzen.


„Willi Landgraf – Fußballgott“: eine Hommage im Youtube-Video


fussball.news: Haben Sie schon einmal einen Spieler extra für ein Turnier abgeholt?

Landgraf: Ich habe einmal einen Spieler von einem Ausflug aus Emden abgeholt. Wenn ein Spieler so gut ist und ich ihn unbedingt brauche, dann hole ich ihn auch aus Amerika ab (lacht).

fussball.news: Wie sehr hat sich der Fußball verändert seit Sie aktiver Jugendspieler waren?

Landgraf: Er ist viel athletischer, schneller geworden. Das ist schon Wahnsinn, wie sehr sich das verändert hat. Jetzt ist es wichtig, dass die Spieler die taktischen Dinge, die Grundlagen, verstehen. Heute geht es zum Beispiel darum, die Räume abzudecken. Die Jungs müssen lernen, wann sie einen Raum abdecken, damit wir einen Vorteil daraus ziehen können. Das Spiel ist aber generell viel variabler geworden. Heute ist der Außenverteidiger nicht nur Außenverteidiger und der Innenverteidiger ist viel mehr als nur ein Innenverteidiger, sondern auch Spieleröffner.

fussball.news: Welche Rolle spielt die Schule bei der heutigen Ausbildung?

Landgraf: Wir haben Pädagogen, Psychologen, wir haben alles auf Schalke. Schule ist nun einmal enorm wichtig, ganz besonders bei mir. Ich lasse mir jedes Zeugnis zeigen. Und wenn es da unentschuldigte Fehlstunden gibt, gibt es auch Feuer von mir. Man weiß nie, ob man Profi wird und daher ist die Schule so entscheidend. Trotz des ganzen Stresses sind die Jungs aber gut in der Schule.

#U15-Coach Willi #Landgraf und seine Co-Trainer @gasamoah und Jakob Fimpel. Heute Auftakt! ??

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fussball.news: Sie haben als Spieler nie in der Bundesliga spielen dürfen. Kurz bevor es möglich gewesen wäre (Aufstieg mit Alemannia Aachen 2006), sind Sie zurückgetreten. Bereuen Sie heute diesen Schritt?

Landgraf: Ganz und gar nicht. Ich habe zum richtigen Zeitpunkt aufgehört. Auch wenn es blöd klingen mag, aber wenn ich nach Aachen zurückkehre, bin ich dort ein Held. Und ich habe mit den Europapokalspielen und dem DFB-Pokalfinale mehr erreicht als manch Erstligaspieler.

fussball.news: Wann sehen wir die Alemannia wieder im Profifußball?

Landgraf: In den nächsten Jahren sehen wir Aachen wieder im Profifußball.

fussball.news: Wollen Sie als Trainer in den Profifußball?

Landgraf: Nein, als Trainer träume ich aktuell nicht davon. Mich haben schon viele Vereine gefragt, ob ich nicht als Trainer etwa in der Regionalliga arbeiten wollen würde. Aber in der Jugend kann man meiner Meinung nach noch am meisten bewegen. Ich bin sehr glücklich mit meiner U15. Das Team um meinen Chef Mathias Schober (Sportlicher Leiter der Knappenschmiede) ist hervorragend – ich will gar nicht weg.

Das nächste „Interview am Morgen“ folgt am Montag, den 18.1.2016 um 6 Uhr.

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Anmerkung der Redaktion: fussball.news veröffentlicht in der Regel von Montag bis Donnerstag jeweils um 6 Uhr das „Interview am Morgen“. Zu den Gesprächspartnern zählen aktuelle Bundesliga-Spieler ebenso wie ehemalige Spieler-Legenden oder Funktionäre und Experten. Bei Bedarf wird das exklusive Gespräch in einen Fließtext mit exklusiven Zitaten umgewandelt.

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