Fans haben erstmals gepfiffen

Ruf nach Geduld: Warum sich Eintracht auf einem schmalen Grat bewegt

Eintracht Frankfurt hat große Herausforderungen zu bewältigen.
Eintracht Frankfurt hat große Herausforderungen zu bewältigen. Foto: Getty Images

Bei Eintracht Frankfurt läuft es auf dem Papier sportlich nicht schlecht. Die Stimmung ist dennoch angespannt im Umfeld des hessischen Traditionsklubs. Die Verantwortlichen und Teile der Fans fordern Geduld ein. Der andere Teil wiederum geht knalllhart mit Trainer Dino Toppmöller und Mannschaft ins Gericht. 

Aus Frankfurt berichtet fussball.news-Reporter Christopher Michel

Erstmals hörbare Pfiffe gegen die Eintracht

Wenn in den vergangenen Jahren im Deutsche Bank Park bei Partien von Eintracht Frankfurt etwas lautere Pfiffe ertönten, dann wurde entweder das gegnerische Team in Empfang genommen oder der Ärger über die Schiedsrichterleistung geäußert. Am vergangenen Spieltag gegen den VfL Bochum gingen die durchaus hörbaren Unmutsbekundungen gegen die eigenen Spieler. Die Leistung auf dem Platz passt aktuell nicht mit der Erwartungshaltung im Umfeld zusammen. Der hessische Traditionsklub steckt daher in einer kniffligen Phase.

Ist der Ruf nach Geduld noch angemessen?

Trainer Dino Toppmöller forderte: "Ein bisschen Geduld wäre angebracht." Er kündigte an: "Ich freue mich auf den Moment, wenn es so weit ist, dass alle Jungs bei Kräften sind. Das wird sich dann auch auf die Ergebnisse niederschlagen." Sportvorstand Markus Krösche zeigte zwar Verständnis für die Pfiffe des Anhangs, fügte allerdings auch an: "Bei so vielen Neuen brauchen wir aber einfach Geduld." Ist diese Forderung nach 32 absolvierten Pflichtspielen noch angemessen?

Eintracht-Vorstandssprecher will Platz sechs verteidigen

Die Eintracht selbst hatte bei der Mitgliederversammlung die Messlatte extrem hoch gelegt. Vorstandssprecher Axel Hellmann sprach von dem möglicherweise besten Eintracht-Kader, den er in seiner Position in der Chef-Etage bislang gesehen habe. Das weckt Begehrlichkeiten bei den Fans, Magerkost ist dann kaum zu verkaufen. Der Jurist erklärte zudem in der Sendung Sport Bild bei Welt TV: "Ich kann verstehen, dass der Grad, an dem wir mittlerweile gemessen werden, nicht nur die nackten Ergebnisse sind, sondern auch die Art, wie wir Fußball spielen. Das war zuletzt nicht gut." Hellmann nannte einen Grund: Die Mannschaft war auch permanent personellen Veränderungen unterworfen." Man wollte dennoch Platz sechs verteidigen.

Stolpern gegen die kleineren Gegner ist kein neues Phänomen

Das ist auch ein Teil der Wahrheit: Frankfurt belegt mit 32 Punkten auf dem Konto einen Rang, der zur Europa League berechtigen könnte. Zudem haben die Hessen die Möglichkeit, in der Conference League gegen Union Saint-Gilloise einen Stimmungsumschwung herbeizuführen. Mit Ausnahme des blamablen Ausscheidens in Saarbrücken ist Toppmöller und seiner Mannschaft auf dem Papier wenig vorzuwerfen. Das war nach einem Mega-Umbruch im Sommer, als mit Randal Kolo Muani, Jesper Lindström, Djibril Sow, Evan N'Dicka und Daichi Kamada die Achse wegbrach, nicht automatisch erwartbar. Dass die Eintracht gegen die vermeintlich kleineren Gegner in der Bundesliga stolpert, ist kein neues Phänomen.

Krösche konnte viel Talent verpflichten

Krösche ist es zudem gelungen, dem Kader enormes Potenzial und Talent hinzuzufügen. Spieler der Güteklasse Hugo Larsson, Willian Pacho, Niels Nkounkou, Hugo Ekitike oder Jean-Matteo Bahoya können reifen und im zweiten Jahr enorm wachsen. Mit Krisztian Lisztes, Nathaniel Brown und Aurele Amenda kommen weitere Talente, die das Team vor allem langfristig verstärken können. Toppmöller verweist nicht ohne Grund stets auf eine große Zukunft. Alles gut also?

Eintracht war im Spätsommer schon weiter

Das wäre zu einfach! Ein Geduldsfaden ist nämlich endlich. Entscheidend ist es, Entwicklungsschritte zu sehen. Die Eintracht befand sich vor allem im Spätsommer auf einem sehr guten Weg. Die Siege in Hoffenheim und Union Berlin waren auf ihre jeweilige Art und Weise attraktiv, das 3:3 gegen Borussia Dortmund spektakulär. Zwischendrin setzten die Frankfurter mit dem 5:1 gegen den FC Bayern München ein weiteres Highlight. Das Team war schon weiter, wirkte stabilisiert. Die Winter-Neuzugänge Sasa Kalajdzic, Donny van de Beek, Bahoya und Ekitike sollten die Qualität erhöhen. Auch hier wird jedoch auf Geduld verwiesen, da sie ohne Rhythmus und Spielpraxis kamen. 

Prozess kann an den Nerven zerren

Dieser Prozess kann an den Nerven von Fußballfans zerren - und zwar gewaltig. Insgesamt gesehen bleiben vor allem die Offensivbemühungen der Eintracht zu häufig Stückwerk. Natürlich: Der Weg vom reinen Umschalt- zum Ballbesitzfußball ist phasenweise ein sehr schmerzhafter, bei jungen Spielern wie Pacho, Larsson, Nkounkou oder Ansgar Knauff sind Formschwankungen zudem völlig normal und einkalkuliert. Und wenn kurz vor dem Beginn einer Partie mit Torhüter Kevin Trapp eine wichtige Stütze wegbricht, nachdem die Defensive wegen zwei Sperren verändert werden musste, dann schmerzt das gewaltig.

Schwierige Moderation in einem emotionalen Umfeld

Und doch zeigt sich wieder, wie schwierig die Moderation im Tagesgeschäft Fußball ist - vor allem in einem sehr emotionalem Klub. Welchen kritischen Stimmen sollte man welches Gewicht geben? Wo gibt es korrekte Anmerkungen und was ist einfach nur Dampfplauderei? Kritik an Stil und fehlender fußballerischer Weiterentwicklung darf nicht komplett ignoriert werden. Wenn der Klub aber grundsätzlich von dem Weg überzeugt ist und Toppmöller zutraut, den nächsten Schritt mit ihm gehen zu können, dann dürfen die Verantwortlichen nicht bei der ersten Krise einknicken. Die Frankfurter haben letztmals im März 2016 während er laufenden Saison eine Trainerentlassung zu verzeichnen gehabt. Damals lag der ganze Verein am Boden, es galt den Abstieg zu verhindern, Armin Veh wurde durch Niko Kovac ersetzt. Ein Schleudersitz ist der Trainerstuhl schon lange nicht mehr.

Der schmale Grat, auf dem sich die Eintracht bewegt

Was aber passiert, wenn das von Hellmann klar definierte Ziel am Ende gefährdet ist? Der Eintracht-Kader ist zu prominent bestückt und teuer, um das einfach so hinzunehmen. Das Verpassen eines europäischen Wettbewerbs wäre auch für die Geschichte, mit der der Klub Talente locken will, ein herber Rückschlag. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Eintracht bewegt. Die kommenden vier Partien heißen Saint-Gilloise, Freiburg, Saint-Gilloise und Wolfsburg. Sollte Toppmöller mit seinem Team den Turnaround meistern, wird der "Geduld-Kredit" im Umfeld rasch wieder wachsen.

Profile picture for user Christopher Michel
Christopher Michel  
12.02.2024